Stand: 19.10.2017 17:00 Uhr

Fotografen auf Reisen

Die fotografierte Ferne
von Ulrich Domröse (Hrsg.)
Vorgestellt von Stefanie Groth

Handy raus, Selfiestick im Anschlag - und dann sich selbst im besten Licht vor eine beliebige Sehenswürdigkeit gestellt und abdrücken. So sehen Reisefotografien heute oft aus. So bequem und zugänglich wie das Reisen heutzutage geworden ist, so einfach ist es auch für jedermann, seine Reisen im Bild festzuhalten. Das Ferne wird damit allgegenwärtig.

Während man früher nur erahnen konnte, wie es wohl in Südafrika, Myanmar oder Island aussieht, sind diese Orte heute zumindest bildlich über Fotografien im Internet permanent zugänglich. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass das Reisen und die Fotos, die man von Reisen mitbrachte, etwas sehr besonderes waren - und Reisefotografien unser Bild von der Welt bestimmten. Diese Entwicklung zeigt der Bildband "Die fotografierte Ferne. Fotografen auf Reisen 1880 - 2015".

Fotos als Erinnerungsdokumente

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Der Bildband "Die fotografierte Ferne", herausgegeben von Ulrich Domröse, ist im Prestel Verlag erschienen.

Ein weißer Tourist in gebügeltem Anzug, umgeben von Japanerinnen in Kimonos. Er sitzt etwas unbeholfen im Schneidersitz auf dem Fußboden. Die Damen um ihn herum elegant, spielen ihm auf traditionellen Instrumenten etwas vor. Vermeintlich authentisch, wenn nicht sogar Klischee - würde man heute sagen. Oder eben klassische Reisefotografie aus vergangenen Zeiten. Es ist die älteste Fotografie im Bildband "Die fotografierte Ferne", aufgenommen von einem unbekannten Fotografen in Kyoto um 1880.

Die wenigsten konnten sich das Reisen damals überhaupt leisten und die wenigsten Reisenden konnten selbst fotografieren. Die sperrige Kameraausrüstung zu transportieren kostete und war mühsam. Eine Zeit also, in der Aufnahmen nicht von Reisenden, sondern für Reisende gemacht wurden. Professionelle Fotoateliers waren zugleich Reisebüros, die über Reiserouten informierten und Fotos als Erinnerungsdokumente an Reisende verkauften.

Der Weg wird zum Ziel eines Projekts

Zeitsprung ins Jahr 1984. Die Transitzone zwischen BRD und DDR. Das Foto aufgenommen vom Beifahrersitz des fahrenden Kleinbusses, mit Blick auf die Autobahn. Links überholt gerade ein Trabbi, der einen Tisch aufs Dach geschnallt hat. Drumherum: Wiese, Wald, gähnende Leere.

Hans Pieler und Wolf Lützen, zwei westdeutsche Fotografen, sind auf der Transitstrecke Berlin-Hamburg unterwegs. Befahren die heutige Bundesstraße 5. Der Weg wird zum Ziel ihres Projekts, mehr über die DDR und das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten zu erfahren.

Der damalige DDR-Hit von Nina Hagen "Du hast den Farbfilm vergessen" beschreibt ein menschliches Dilemma: ohne Fotografie keine Reise. Sie ist zum bestimmenden Medium des "Unterwegsseins" geworden. Ob Expedition, Wanderung, Spaziergang oder Weltreise, das Foto bezeugt: Ich war da. Die Manifestation einer besonderen, einer individuellen Erfahrung. Dabei zeigen ausgerechnet Fotografien, wie austauschbar unsere Reiseerlebnisse oft sind.

Fotos als Reproduktion von Kopfbildern

Die Fotografien weltbekannter Sehenswürdigkeiten von Karl von Westerholt Ende der 90er-Jahre machen deutlich: es sind Reproduktionen von Bildern, die wir als Betrachter eh schon längst im Kopf hatten. Austauschbar.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

Ulrich Domröse: "Die fotografierte Ferne"

NDR Kultur -

Der Band "Die fotografierte Ferne. Fotografen auf Reisen 1880 - 2015" präsentiert Arbeiten von 17 Fotografen.

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Genauso austauschbar wie die Bilder vom klinischen Flughafenterminal, der Passkontrolle, dem Flugzeugtriebwerk, dem 08/15-Hotelzimmer, die Wolfgang Tillmanns geschossen hat. Mallorca oder Malaysia? Wer weiß das schon genau, wenn alles gleich aussieht. Die banale Alltäglichkeit des Reisens steht im krassen Gegensatz zu dem, was Reisen doch eigentlich sind: ein Abenteuer.

17 verschiedene Fotografen nehmen den Betrachter in diesem Bildband mit auf die Reise. Auch auf eine Zeitreise von 1880 bis 2015, an deren Ende man sich überrascht vornimmt, bei seiner nächsten Reise selbst weniger zu knipsen und mehr zu entdecken.

Die fotografierte Ferne

von
Seitenzahl:
248 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Gebundenes Buch, Pappband, 23,0 x 27,0 cm, 152 farbige Abbildungen
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-5642-6
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.10.2017 | 17:40 Uhr

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