Stand: 13.09.2017 16:33 Uhr

Ein neuer Fall für Ermittler Storm

Der Nordseeschwur: Ein Theodor-Storm-Krimi
von Tilman Spreckelsen
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Tilman Spreckelsen, Jahrgang 1967, ist in Kronberg geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte in Freiburg.

Heute denken wir an den großen Dichter, den packenden Erzähler Theodor Storm, der vor genau 200 Jahren in Husum zur Welt kam. Aber denkt vielleicht auch irgendjemand an den Ermittler, an den Rechtsanwalt Theodor Storm, der er ja schließlich auch war? Einer tut es, beharrlich und erfolgreich: der Journalist Tilman Spreckelsen, Feuilleton-Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Nun hat er den dritten Band seiner Theodor-Storm-Krimi-Reihe veröffentlicht, "Der Nordseeschwur" heißt der Roman.

"Hin gen Norden zieht die Möwe
Hin gen Norden zieht mein Herz;
Fliegen beide aus mitsammen,
Fliegen beide heimatwärts.
Ruhig Herz! Du bist zur Stelle;
Flog’st gar rasch die weite Bahn -
Und die Möwe schwebt noch rudernd
Über’m weiten Ozean." Theodor Storm: "Die Möwe und mein Herz"

Ein Storm-Gedicht am Körper eines Toten

Hier, will man verträumt meinen, kann doch gar nichts Böses geschehen. Aber dieses Gedicht steht am Anfang einer Mordserie in Husum und Umgebung im Juni 1844: "Die Möwe und mein Herz", handgeschrieben vom jungen Rechtsanwalt Theodor Storm - warum werden diese Zeilen am Körper eines Toten, eines offensichtlich Erschlagenen gefunden? Der Mann wollte zu Storm, wollte ihm etwas mitteilen - jetzt ist er tot. Und Storm? Seinem Schreiber Peter Söt, dem Ich-Erzähler, kommt er seltsam teilnahmslos vor.

"Storm stöhnte leise auf. Ich konnte riechen, dass sein Vater, Mitglied der schleswigschen Ständeversammlung und oberster Strippenzieher in Husum, es an diesem Abend wohl nicht beim Wein belassen hatte. Kirschwasser, vermutete ich. Storms Nase war jedenfalls noch tiefer violett gefärbt als sonst. 'Also gut', sagt er, 'es kommt zwar wahnsinnig ungelegen, aber es hilft ja nichts. Wir wecken den Bürgermeister. Übrigens sonst eine schöne Nacht, finden Sie nicht?" Leseprobe

Charmant und gewitzt skizziert Tilman Spreckelsen seinen Helden Storm als Ermittler wider Willen: Alles, scheint’s, interessiert ihn mehr, als seinem Beruf nachzugehen und Unholde zu überführen.

Sagensammler und Schwerenöter

Er leitet einen Chor, der seine Hingabe dringend nötig hat, er sammelt, unter anderem mit seinem Studienfreund Theodor Mommsen, nordfriesische Sagen und - er verstrickt sich immer wieder in aufregende Liebesgeschichten. In diesem Fall gibt es aber noch weitere Gründe für Storms Zurückhaltung: Zum einen könnte ihn das Gedicht, wenn die wahre Geschichte ans Licht kommt, kompromittieren; zum anderen herrscht gerade ohnehin große Aufregung in der Umgebung von Husum, dem Zentrum des literarischen Interesses von Tilman Spreckelsen: "Meine Faszination wurde dann wieder sehr angeregt, als ich nach langer Zeit vor einigen Jahren mal wieder nach Husum gefahren bin und dann merkte, wie viele Häuser, wie viele Straßenzüge eigentlich noch genauso da sind wie zur Zeit von Theodor Storm. Da begann ich, mich mehr dafür zu interessieren: Wie war das eigentlich, als der junge Theodor Storm durch Husum ging, als er sich gerade als Anwalt etablierte - was war das für eine Stadt?"

Nordfriesland in rebellischer Zeit

Eine Stadt, in der es, aller Nordseeromantik zum Trotz, gärt, wie in allen deutschen Ländern zu jener Zeit. Die Nordfriesen begehren gegen die Herrschaft des dänischen Königs auf. Dieser Ungehorsam ist Storm im Prinzip sympathisch - jetzt aber hat er Angst: Er gehört nämlich zu den Organisatoren des großen Sängerfests im Nachbarort Bredstedt und fürchtet Unruhe, Chaos, ein Blutbad gar. Bald scheinen sich die schlimmsten Sorgen zu bestätigen:

"Als alle wieder die Gläser hoben, sah ich, wie sich Carstens plötzlich erregt mit Storm und Feddersen unterhielt. Wenig später blickte sich Storm nach mir um und gab mir ein Zeichen. Ich sollte so schnell wie möglich zu ihm kommen. Er war kreidebleich und konnte kaum sprechen. Etwas lief aus dem Ruder, es war endgültig nicht mehr das friedliche Fest, das er erwartet und das er im Komitee vorbereitet hatte." Leseprobe

Spreckelsen hat Freude an fiesen, feinen Überraschungen: Da, wo der Leser politische Intrigen vermutet, entfaltet er plötzlich Liebesleiddramen - und umgekehrt. Nichts ist, wie man meint. Nur Husum, die vom Autor erkennbar so geliebte Schöne, bleibt die graue Stadt am Meer, wo sanft die Winde rauschen.

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von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman, Krimi
Verlag:
Fischer Taschenbuch
Bestellnummer:
978-3596298280
Preis:
9,99 €

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