Stand: 20.03.2017 16:46 Uhr

Können Verlage mit Lyrik Geld verdienen?

von Severine Naeve

Lyrik hat einen schweren Stand im kommerziellen Literaturbetrieb. Daran ändern auch Buchpreise und Fördertöpfe wenig. Dennoch gibt es einige Verlage, die sich auf Poesie und Wortkunst spezialisiert haben und ausschließlich Lyrik veröffentlichen. Doch wie lebt man von und mit Lyrik?

Von Lyrik kann man nicht leben

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Sie haben das Verlagshaus Berlin gegründet, das ausschließlich Lyrik herausgibt: Dominik Ziller (von links), Andrea Schmidt, Johannes Frank

"Diese Frage kommt eigentlich immer, die beantworten wir in den 'häufig gestellten Fragen' auf der Webseite. Wir sagen eigentlich immer, wir leben dafür", erzählen Dominik Ziller und Andrea Schmidt vom Verlagshaus Berlin. Sie machen keinen Hehl daraus, dass man vom Verlegen von Lyrik nicht leben kann. Gemeinsam mit ihrem Partner Johannes Frank haben sie den Verlag gegründet und sich nach kurzer Zeit auf Lyrik spezialisiert. Sie verlegen Gedichtbände, Anthologien und auch viele Werke einzelner Poeten, wie den unter Kennern recht bekannten Carl-Christian Elze.

Zum Konzept des Verlagshauses Berlin gehört auch die spezielle Gestaltung der Bücher, die einem einheitlichen Corporate Design folgt. Eine ihrer Editionen wurde bereits mit einem Buchdesignpreis ausgezeichnet. Wenn der Inhalt schon den Ruf hat, schwere Kost zu sein, dann soll das Äußere umso mehr Lust auf den Griff ins Regal machen: "Das war am Anfang für uns ein Kriterium: dass man unsere Bücher erkennt. Die Autoren kennt man vielleicht noch nicht, aber es ist umso wichtiger, dass man die Bücher erkennt", sagt Ziller.

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Leichter Stimmungswechsel - mehr Lyrik in Lehrplänen

Auch wenn auf den Lehrplänen zum Thema Lyrik immer noch die üblichen Klassiker abgearbeitet werden, merken die Lyrik-Enthusiasten im Verlagshaus Berlin einen leichten Stimmungswechsel. Immer öfter kommen tatsächlich Lehrer in ihr kleines Büro im Prenzlauer Berg, um sich beraten zu lassen.

Aber warum hat Lyrik immer noch so einen schweren Stand - auch in Zeiten von Poetry Slams und Lyrik-Förderpreisen? Andrea Schmidt hofft, mit ihrer Arbeit zumindest dazu beizutragen, dass sich die Lesegewohnheiten der Menschen ändern: "Auf Lyrik muss man sich einlassen, es sind kleine, komprimierte Sprachgebilde, deren Schönheit sich erst entfaltet, wenn man sich darauf einlässt, die Texte mehrere Male liest, wenn man selbst interpretiert und Bilder entstehen lässt, sich beispielsweise auf Codierungen des Autors einlässt. Also für Lyrik muss man schon ein wenig arbeiten", sagt Schmidt.

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Mit seinem Merchandise-Programm schafft es das Verlagshaus Berlin recht erfolgreich, die Aufmerksamkeit für seine Nischenprodukte zu steigern. Die Taschen, Aufkleber und Poster haben es mit ihren markanten Sprüchen zum Hipster-Accessoire gebracht. "Keine Lyrik ist auch keine Lösung" oder "Poetisiert Euch" ist da zu lesen und das funktioniert: "Die Leute lieben es, die Taschen durch die Straßen zu tragen, die Aufkleber, wir haben einen Instagram-Feed, wofür wir Fotos aus der ganzen Welt geschickt bekommen, wo unsere Aufkleber auf der ganzen Welt zu sehen sind, auf Tauchgeräten auf Bali, in den Bergen von Kanada, Hongkong - aus der ganzen Welt kommen diese Fotos und die Leute, die stehen drauf", so Schmidt.

Ruf der Lyrik bessert sich langsam

Der kleine Verlag Kookbooks, ebenfalls in Berlin ansässig, wird von Daniela Seel und dem Grafikdesigner Andreas Töpfer betrieben. Rein optisch könnte Seel auch im Verlagshaus arbeiten - offenbar trägt man einfach gerne Schwarz, wenn man sich der Lyrik verschrieben hat. Neben dem Look und der Leidenschaft fürs Wort haben Seel und die Verlagshaus-Gründer auch ihren Optimismus gemeinsam: Auch Seel hat den Eindruck, dass der Ruf der Lyrik langsam besser wird, unter anderem auch ihre Arbeit Früchte trägt. Aber der Markt bleibt klein. Kookbooks veröffentlicht sieben bis acht Bücher pro Jahr: "Man kann keinen Verlag machen, der 20 Lyriktitel pro Jahr veröffentlicht. Das übersteigt die Kapazitäten des Buchhandels und auch der Medien in der Rezension. Die Aufmerksamkeit würde sich dennoch nur auf zwei bis drei Titel pro Jahr richten", erklärt Seel.

Auch bei Kookbooks wird großen Wert auf das Design und die Gestaltung gelegt, die Töpfer meist selbst übernimmt. Die Cover sind abnehm- und ausklappbar und können dann als Poster die heimische Lesestube schmücken. Seel ist übrigens selbst auch Autorin. Sie verdient neben der Verlagsarbeit, von der auch sie nicht leben kann, ihr Geld mit verschiedenen anderen Aufträgen. Aber das kapitalistische Konzept erschließt sich ihr als Künstlerin ohnehin nicht. Sie erklärt: "Der ökonomische Aspekt, der so im Vordergrund in der öffentlichen Wahrnehmung davon steht, was die Arbeit von Verlagen ist, hat wenig mit der realen Umsetzung zu tun."

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