Stand: 26.09.2017 15:00 Uhr

Quatsch und Freiheit

Wiener Straße
von Sven Regener
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Der Musiker und Schriftsteller Sven Regener veröffentlichte 2001 seinen ersten Roman, Herr Lehmann, der sich über eine Million Mal verkaufte.

Die Prosa-Sause des Sven Regener geht weiter, könnte man sagen, wenn man in dessen ureigene Sprachschatulle greift. Der Sänger und Trompeter der Band "Element of Crime" macht seit über 15 Jahren, seit dem gigantischen Erfolg von "Herr Lehmann", auch in der Bücherwelt ordentlich Betrieb.

Tiefe und Abgründigkeit bekam die Geschichte des Kreuzberger Bierzapfers Frank Lehmann, der in den frühen 80ern vom beschaulichen Bremen ins anarchische West-Berlin zieht, in den Romanen "Neue Vahr Süd" und "Der kleine Bruder". Zuletzt hat Regener 2013 in "Magical Mystery" davon erzählt, wie Franks bester Freund Karl Schmidt Mitte der 90er-Jahre zum Techno-Künstler wird. Jetzt liegt sein neuer Roman vor: "Wiener Straße".

Abgründiges aus Kreuzberg

Mal eben kurz den Kopf aus dem Fenster gehalten und da kann man dann ja schon sehen, wie dramatisch alles ist. Berlin-Kreuzberg, November 1980. Der Himmel hängt gelbgrau über der smogduftenden Stadt und Erwin Kächele, Inhaber der Gaststätte "Zum Einfall", hat gleich schon wieder die Nase voll.

Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Erwin stellte den Werkzeugkasten ab, den er für die Pfeifen mitgebracht hatte, denn das waren sie, Pfeifen, wie bin ich hier nur reingeraten, fragte er sich schon den ganzen Tag immer wieder rhetorisch, meist in Gedanken, manchmal auch laut, aber weder Karl Schmidt noch Frank Lehmann, der offensichtlich Karl Schmidts neuer Lieblingskumpel war, noch H.R. und schon gar nicht Chrissie, seine beknackte Nichte, hatten sich auch nur angesprochen oder sonstwie kompetent gefühlt, mal irgendwas darauf zu antworten…. Leseprobe

… mäandert es wortreich durch das Hirn eines der Protagonisten in diesem Roman, in dem das Mäandern von Worten ohnehin nicht gerade im Abseits steht. Falls nämlich die Frage lauten sollte: "Worum geht es denn eigentlich in der Wiener Straße?", könnte man natürlich leichterdings antworten: Naja, ein paar freundliche junge Knalltüten ziehen um und quatschen sehr viel erhabenen Unsinn und bringen bei der Gelegenheit gleich auch mal die Kneipe im Erdgeschoss auf Vordermann oder ins Chaos, was in der Regel zwar nicht weltbewegend, immer aber Kunst ist.

Lesung

Sven Regener: "Wiener Straße"

06.11.2017 22:45 Uhr

Am 7. November liest Sven Regener im Metro Kino Schlosshof in Kiel aus seinem neuen Roman. In "Wiener Straße" gibt es natürlich auch ein Wiedersehen mit der Kultfigur Herr Lehmann. mehr

"Ich bin nicht der Meinung, dass man in erster Linie in der Kunst so aufs große Ganze gehen sollte. Im Gegenteil: Bei den individuellen und speziellen, konkreten Sachen wird es eigentlich erst spannend und lustig und interessant. Da liegt das Abenteuer. Unter dem Pflaster liegt der Strand! Das wäre auch mein poetischer Ansatz. Man muss dafür nicht extra ans Meer fahren", findet Regener

Fragen, die die Welt bewegen

So werden in der "Wiener Straße" Dinge verhandelt, die wohl, wenn man es recht bedenkt, nicht die Welt als ganze aus den Angeln heben, aber für jeden einzelnen in jedem einzelnen Moment schwer bedeutsam sind: Wie komme ich an meinen Namen und warum werde ich ihn nicht los, fragt sich Kacki, der stille Held der ArschArt-Galerie, der doch mal Karsten 1 und davor sogar Karl-Maria hieß. Wie viel darf ich für einen Becher "Chateau Strunzinger" verlangen, zwei Mark oder unverschämterweise vielleicht doch drei, fragt sich Kneipier Kächele. Warum ist Putzen eigentlich so beruhigend, fragt sich Frank, welche Kaffeemaschine ist die richtige, fragen sich alle, und, Himmel, wie viel poetische Kraft steckt eigentlich im Auftritt eines Kaffeemaschinen-Reparateurs?

"Dann nehm ich den, nee, Moment mal, da schauen wir mal, so sieht's aus, könnte aber auch, wenn ich den da, ja nee, da drüben ist nichts, angeschlossen ist das, wenn man hier, dann…", so ging das munter in seinen Bart hinein, der ein kurzer Schnauzer war, und Frank ließ sich davon berieseln, während er in Ruhe den Boden wischte, vielleicht mache ich ihm wirklich einen Kaffee, wenn er fertig ist, dann kann man die Maschine gleich testen, dachte Frank, vielleicht wäre es wirklich mal gut, Kontakt aufzunehmen zu einem, der von ganz woanders kommt und ganz woanders unterwegs ist, rauschte es ihm kirchentagsgleich durch die Birne, während er wischte und wischte, eine Tätigkeit, die ihm, wie er in den letzten Tagen gelernt hatte, umso mehr Spaß machte, je dreckiger der Boden war. Leseprobe

Das Freiheitsgefühl einer Großstadt

Mehr zu diesem Buch

Die ungekürzte Autorenlesung, aus der die Zitate stammten, ist im Hörbuchverlag „tacheles!“ erschienen.
Ein ausführliches Kneipengespräch mit Sven Regener können Sie am Sonnabend, 30. September, in der Sendung "BücherLeben" ab 18 Uhr auf NDR Kultur hören.

Mit zärtlicher Liebe zu seinen Figuren besingt Sven Regener die totale Freiheit: die Freiheit zum Quatsch, zur Kunst, zum Glück und Unglück in den jungen Jahren an einem speziellen Ort: "Es war ja eine Stadt, die eigentlich Einwohner verlor, eigentlich eine sterbende Stadt, West-Berlin. Wer jung war und was werden wollte, ging weg. Wer aber hinging, waren die Freaks. Wovon sie profitierten, waren unendliche Liberalität und Geduld eigentlich auch der alteingesessenen Berliner. Das hat sich politisch oft anders dargestellt, da war auch viel Verbitterung später, aber das grundsätzliche Lebensgefühl war so etwa: Ich kann hier nackt über die Straße laufen, da dreht sich keiner um. Ich kann aber hier auf der Straße auch verrecken, da dreht sich auch keiner um."

Dieser Roman, der kurioserweise auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stand, sich dann aber erwartungsgemäß als viel zu lustig für die Shortlist herausstellte, erinnert daran, dass es gar nicht so wahnsinnig viel braucht in der Literatur, in der Kunst und im Leben.

"Du brauchst nur Lieblingsfarben und Tiere, / Dosenravioli und Buch / Und einen Bildschirm mit Goldfisch, / Das ist für heute genug." aus dem Song "Lieblingsfarben und Tiere" der Gruppe Element of Crime

Wiener Straße

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani Berlin/Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-31749-7
Preis:
18,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.09.2017 | 12:40 Uhr

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