Stand: 13.03.2017 10:00 Uhr

Der Engel auf dem Sarg

Ein fauler Gott
von Stephan Lohse
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Nach einer Ausbildung in Wien war Stephan Lohse unter anderem am Hamburger Thalia Theater und an der Berliner Schaubühne engagiert. Sein Roman heißt "Ein fauler Gott".

Bisher hat der 1964 in Hamburg geborene Stephan Lohse als Schauspieler gearbeitet. Jetzt ist im Suhrkamp Verlag sein erster Roman erschienen, der seine Kindheit und die Zeit des Erwachsenwerdens in Hamburg beschreibt: "Ein fauler Gott". Im Sommer 1972 setzt die Romanhandlung ein. Der elfjährige Ben fühlt sich, als ob der Platz hinter seiner Nase durch Weinen gewachsen sei und von innen gegen seine Augen stoße. Gestern ist sein achtjähriger Bruder gestorben. Der Friedhof Ohlsdorf, Kapelle 12, wird zu einem wichtigen Ort in diesem Roman:

"Im Sarg liegt Jonas, sein toter Bruder. Das lässt sich nicht beweisen, denn der Sarg ist verschlossen. Möglicherweise trägt Jonas einen grünen Anorak, aber ziemlich sicher keinen Mantel. Neben Jonas soll sein Teddy Christian Paul liegen. Mami und Ben setzen sich in die erste Reihe, wo außer Pappi sonst niemand sitzt. Die Bank ist hart, und Mami zieht Ben auf ihren Schoß. Leise fragt sie ihn, ob er den kleinen Engel auf Jonas Sarg erkennen könne. 'Ja', flüstert Ben. Mamis Stimme klingt sonderbar heiser, als sie sagt: 'Er soll uns daran erinnern, dass der liebe Gott einen Engel gebraucht hat. Und dafür hat er sich Jonas ausgesucht.' Fauler Gott. Fauler Kackgott." Leseprobe

Kinder trauern auf eigene Weise

Ben trauert auf seine eigene, einsame, kindliche Weise. Er verbuddelt eine Sammelkarte am Grab, um die sein kleiner Bruder ihn noch gebeten hatte. Er beobachtet mit Sorge seine Mutter, die herauszufinden versucht, warum und wie dieses Unglück geschehen konnte, und dann wieder stundenlang mit einer Heizdecke bewaffnet auf dem Bett sitzen bleibt.

Nach einem halben Jahr wird Ben in den Schwarzwald in ein Kindererholungsheim geschickt. Er sieht ein Madonnenbild, mit dem blutenden Jesus auf dem Schoß - und vertraut sich einer der Betreuerinnen an:

"'Mein Bruder ist letztes Jahr gestorben.' (...) 'Was war sein Name?' 'Jonas. Er war erst acht. Und er hat nicht geblutet. DIE SACHE kam von innen. (...) Meine Mutter ist immer noch traurig.' 'Das hört nicht auf' (...), sagt Tante Mary. 'Es wird nicht besser?' 'Es wird anders.'" Leseprobe

Auch ein Kind hat Anspruch auf die Wahrheit. Ben wird derjenige sein, der seiner Mutter etwas über das Trauern beibringen kann. Stephan Lohse fühlt in den grausamsten Schmerz, in die schönsten und zartesten Schlupfwinkel der Trauer und erzählt vom Erwachsenwerden eines Kindes, das ein Geschwisterkind verloren hat.

Zeitporträt der 70er-Jahre

Angesiedelt ist der Roman im Hamburg der 70er-Jahre, was jeden, der diese Zeit kennt, wohl in besonderer Weise anrührt. Wer weiß noch, was "Debedehakape" bedeutet. Ich vermute, heute gibt es andere Kürzel für "Du bist doof, da helfen keine Pillen." Zeitlos ist der Roman gleichwohl. Als das erste Weihnachtsfest mit den beiden Versehrten, der von Trauer verwundeten Mutter und ihrem Sohn, ansteht, heißt es lakonisch: "Man kann die Geburt eines Kindes nicht feiern, wenn ein Kind gestorben ist."

Etwa in der Mitte des Textes wagt sich Ben zum ersten Mal heimlich, ohne es der Mutter zu sagen, in das Schwimmbad, in dem "die Sache" mit seinem Bruder passiert ist.

"Das Wasser ist unvermutet kompakt. Wie eine zähflüssige Gelatine, die Bens brüchige Haut heilt, in der es ihm aber schwerfällt, sich zu bewegen." Leseprobe

Stephan Lohse beweist das älteste, unerklärlichste Geheimnis der Literatur, die tröstliche Wirkung von sehr traurigen Geschichten.

Ein fauler Gott

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Bestellnummer:
978-3-518-42587-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.03.2017 | 12:40 Uhr

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