Stand: 22.02.2016 10:43 Uhr

Hinter der Fassade vom Frauen-KZ Ravensbrück

Ohne Haar und ohne Namen. Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück
von Sarah Helm
Vorgestellt von Tim Evers

Die Londoner Journalistin Sarah Helm erzählt die Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück. Ihr Buch ist eine umfassende Biografie des Lagers, das nie die gleiche Aufmerksamkeit wie Auschwitz oder Dachau fand.

Ein KZ speziell für Frauen

Das Konzentrationslager Ravensbrück, am südlichen Rand der Mecklenburgischen Seenplatte gelegen, war das einzige KZ nur für Frauen. Mehr als 130.000 Frauen wurden hier inhaftiert und gequält, Zehntausende starben. Sie mussten Zwangsarbeit leisten, wurden geprügelt, gefoltert und Experimenten ausgesetzt. "Es gab spezielle Methoden der Disziplinierung und Bestrafung. Ravensbrück war das Zentrum der Verbrechen gegen Frauen", sagt Helm. Sie gibt den Frauen von Ravensbrück eine Stimme: Es waren Kommunistinnen und sogenannte Asoziale, Prostituierte. Zeuginnen Jehovas und Jüdinnen, Sinti und Roma. All die, für die im "deutschen Volkskörper" kein Platz sein sollte.

Im Mai 1939 wurde das Lager eröffnet, SS-Chef Himmler kam anfangs öfter zur Inspektion. Er führte auch die Prügelstrafe ein. Frauen in Ravensbrück wurden totgeschlagen oder ausgehungert, vergiftet, durch Zwangsarbeit zugrunde gerichtet, erschossen oder vergast. Die Brutalität nahm im Laufe des Krieges zu. Zum Schluss, im April 1945, war Ravensbrück ein Todeslager.

"Wenn man der Geschichte von Ravensbrück folgt", sagt Helm, "sieht man, wie das Ausmaß der Gräueltaten zunimmt und wohin diese Brutalität führt. Man bekommt einen Eindruck, wie Menschen sich unter solchen Bedingungen verhalten und auch verändern - in alle Richtungen."

Geschichten, die noch nie erzählt wurden

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Sarah Helm stieß während ihrer Recherchen über die britische Agentin Vera Atkin auf die Geschichte von Ravensbrück.

Acht Jahre hat Sarah Helm für ihr Buch recherchiert - in England ist die Geschichte von Ravensbrück kaum bekannt. Sie fuhr nach Ravensbrück, und sie machte sich auf die Suche nach den letzten Überlebenden, besuchte sie in Bordeaux, London, Minsk oder Odessa. Gerade die Geschichte der sowjetischen Soldatinnen hat sie berührt: Junge Frauen, die mit Anfang 20 von den Deutschen nach Ravensbrück verschleppt wurden und die sich nach der Befreiung von Stalin als "Verräterinnen" denunzieren lassen mussten. "Viele dieser Frauen hatten nie über ihr Schicksal gesprochen - und als ich dann bei ihnen saß, um mir ihre Geschichte erzählen zu lassen, setzten sich oft ihre Kinder und Enkelkinder dazu und hörten staunend zu. Sie hatten keine Ahnung, was ihre Großmütter erlebt hatten. Diese Frauen hatten immer weitergekämpft - erst an der Front und dann im Lager. Dort kämpften sie darum, sich ihre Menschlichkeit zu erhalten."

Solidarität unter Frauen

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Zwangsarbeit für die Kriegsindustrie und auf umliegenden Gütern prägte die Tage der im KZ Ravensbrück Inhaftierten.

Wie bleibt man Mensch in einer bestialischen Welt? Die Frauen machten sich gegenseitig kleine Geschenke - Zeichnungen, Schnitzwerk. Freundschaft als rettende Insel. Die Solidarität im Lager war erstaunlich: Eine Frau weigerte sich, eine andere auszupeitschen - und wurde dafür hingerichtet. Auch im gefürchteten Krankenrevier halfen sich die Frauen. Einer Gruppe Polinnen, die man im Lager nur "Versuchskaninchen" nannte, wurden Bakterien und Splitter in Wunden eingeführt. Sie konnten sich nicht wehren, aber sie sammelten zumindest Informationen darüber, was man ihnen antat. "Diese Frauen wollten, dass die Welt von ihrem Schicksal erfährt", sagt Helm. "Sie haben sehr genau aufgeschrieben, was ihnen angetan wurde - ungeheuer beeindruckende Berichte, geschrieben von intelligenten jungen Frauen. Sie schrieben auf Papierfetzen, mit Urin, und schmuggelten sie nach draußen. Und was mich so berührt hat, war, dass daraus nicht nur sehr viel Mut, sondern auch der Glaube an eine Gerechtigkeit spricht, die sie befreit.

Die letzten Tage von Ravensbrück

Die Frauen hofften vergebens. Obwohl der Krieg längst entschieden war, Teile Deutschlands bereits befreit waren, wurde hinter den Mauern von Ravensbrück weiter gemordet. Anfang 1945, als Häftlinge aus anderen Lagern hierher "evakuiert" wurden, richtete man sogar eine Gaskammer ein, um mit dem Töten hinterherzukommen. Zugleich verhandelte Himmler mit dem schwedischen Roten Kreuz: Er wollte Gefangene herausgeben, um sich zu retten. Zwischen Leben und Tod lagen jetzt nur ein paar Schritte, erzählt, die Autorin: "Tatsächlich mussten die Busse der schwedische Rettungsmission um den Grafen Bernadotte warten, bis im Lager die Gaskammer geschlossen war. Es gibt Berichte von Frauen, die bis zuletzt nicht wussten, ob sie nun wirklich nach links zu den Bussen oder nach rechts in die Gaskammer geführt werden."

Es gibt in diesem Buch viele solcher Momente, die einem den Atem stocken lassen. "Ohne Haar und ohne Namen" erschüttert und berührt. Die Stimmen der Frauen von Ravensbrück sind dank Sarah Helm so laut wie lange nicht.

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Ohne Haar und ohne Namen. Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück

von
Seitenzahl:
840 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Konrad Theiss Verlag
Veröffentlichungsdatum:
19. Januar 2016
Bestellnummer:
978-3806232165
Preis:
38,- €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 24.02.2016 | 00:00 Uhr

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