Stand: 28.10.2015 19:16 Uhr

Sachbücher des Monats November 2015

von Andreas Wang

Zum geflügelten Wort ist bekanntlich diese Zeile aus Goethes Gedicht geworden: "Amerika, du hast es besser/als unser Kontinent…" - aber inzwischen wissen wir: weit gefehlt. "13-jährige Kinder, die Jahre in Isolationshaft verbringen müssen, willkürliche Verhaftungen und rassistische Vorurteile durch Polizei und Justiz oder Menschen mit psychischen Erkrankungen, die im Gefängnis jahrzehntelang vegetieren" - so beschreibt der Verlag diese Realitäten aus dem Alltag in den USA. In der Tat geht der Jurist Bryan Stevenson in seinem Plädoyer gegen eine Polizeigewalt vor, die wohl auch, so urteilt der Spiegel, eine "Logik erkennen lässt, die weit zurückreicht in die grausamen Anfänge" der USA. Man ist fassungslos.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Der Herr der Worte

Buchtipp

Die Klima-Diplomatie der kleinen Schritte

Wie kann das Weltklima gerettet werden? Darum dreht sich's bei der Klimakonferenz in Paris Ende des Jahres. Mit Geduld und Diplomatie, meint Nick Reimer im Buch "Schlusskonferenz". mehr

"Der Deutsche betritt den Bereich der späteren europäischen Geschichte als ein Wanderer: Das Pferd vor dem hochgetürmten Wagen mit Weib und Kindern am Faustseile haltend, zu Fuß". Lange ist es her, und doch mag dieser erste Satz aus Rudolf Borchardts Essay "Deutsche Reisende - Deutsches Schicksal" gerade heute daran erinnern, dass Wanderschaft, Mobilität, Migration und wie die Formen des Schicksals gerade heißen mögen, Teil auch der eigenen Geschichte sind, und nicht nur eine furchteinflößende Erscheinung der Gegenwart. Dieser Eingangssatz lässt ahnen, dass der bedeutende Sprachkünstler Borchardt auch ein politisch empfindender Mensch war. Peter Sprengels Biografie holt uns diesen Dichter und Erzähler ironisch-satirischer Art, und vor allem diesen grandiosen Übersetzer und Vermittler antiker Literatur und Kultur, wieder in unser Bewusstsein. Als langjähriger Emigrant und irgendwie aus der Zeit gefallener Monarchist, als Mann antiquierter aristokratischer Lebensformen, der seine jüdische Identität verleugnete, war er uns etwas entfallen. Wem seine Texte in die Hände fielen, der las sie mit Genuss und Gewinn - jetzt lässt sich auch die Person entdecken.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Fritz Göttler ("Süddeutsche Zeitung"), Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann, Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler (Humboldt Universität Berlin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Albert von Schirnding, Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Dr. Jutta Person (Philosophie Magazin), Jana Hensel (der Freitag), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Zeitsüchtige Zeiten

"Nichts verloren gehen zu lassen, ist eine Hauptregel. Papierschnitzel ebenso wie Zeit" - dieser Sinnspruch des alten Sudlers Georg Christoph Lichtenberg aus Göttingen trifft ziemlich genau das Projekt "Zeit" des Kulturhistorikers Alexander Demandt. Seine "Kulturgeschichte" mutet auf den ersten Blick wie ein ausgekippter Zettelkasten an. Der zweite Blick ermöglicht durchaus den einen oder anderen überraschenden Fund, z.B. den Hinweis, wie sich das ehrwürdige "AD" - Anno Domini - im Zuge der political correctness zu "Common Era" gewandelt hat. Demandt liegt mit seinem geordneten Sammelsurium ziemlich genau im Trend zeitsüchtiger Zeiten.

Sein Buch ist allerdings bei weitem nicht das einzige: Auch sein Kollege Rüdiger Safranski hat sich mit der Zeit beschäftigt, auch dessen Buch hat es diesmal auf unsere Liste geschafft. Während aber Demandt gewissermaßen enzyklopädisch alles über die Zeit, ihre Bedingungen, ihre Messungen, die ihr attribuierten Zeichen und Dinge etc. über uns ergießt, versucht Safranski, den man gerne den "philosophierenden Bestsellerautor" nennt, der Wirkung dessen, "Was sie" - also die Zeit - "mit uns macht und was wir aus ihr machen", näherzukommen. Hier wird Zeit gewissermaßen zu einem Erlebnisort, auf dem sich allerlei tut: Da entfaltet die Biologie die Kräfte einer "inneren Uhr", da organisiert die relativitätstheoretische Erkenntnis eine "Eigenzeit" der Dinge oder sorgt für gesellschaftliche Auswirkungen, beispielsweise in Form einer Überforderung durch die allgemeine Beschleunigung.

Ein Land, das uns in Atem hält

Der Schatten Wladimir Putins liegt auf Russland und seinen Nachbarn - kein Wunder, dass zahlreiche Autoren sich dieses Phänomens und der vermeintlichen Gefahren, die von diesem womöglich wieder erwachenden Imperium ausgehen, annehmen. Die Bücher müssen aufmerksam gelesen werden, gerade weil ihre Schlussfolgerungen, gelinde gesagt, widersprüchlich sind. Sie werden unsere Jury wohl noch beschäftigen und ihren Niederschlag in einer der nächsten Sachbuch-Bestenliste finden. Ein Buch ist aber schon gelesen und steht auf unserer Liste: Ryszard Kapuścińskis "Imperium", ein Klassiker der Reportage. Es geht in die Epoche der Sowjetunion zurück, und dort in die dunkelsten Regionen: in die finsteren Wachstuben der Grenzsoldaten, in die Schreckensorte der Gulags, in die Regionen des entsetzlich weiten Nirgendwo und in die zerstörten und verstörten Randzonen des Imperiums. Was wir mit Kapuściński sehen, ist ein riesiges Land, das mit sich selbst beschäftigt ist, und uns doch irgendwie in Atem hält.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.11.2015 | 16:20 Uhr