Stand: 28.04.2017 16:45 Uhr

Sachbücher des Monats Mai 2017

von Andreas Wang

"Das Gewissen richtet streng über unsere geheimsten Gedanken und Taten und irrt sich nicht", meinte das Vorbild des surrealistischen Dichters Comte de Lautreameont im 19. Jahrhundert und zielte damit auf eine Instanz, die es gewaltig in sich hat. Sigmund Freud hat sie später das Über-Ich genannt und damit diejenige moralische Zensurmaßnahme gekennzeichnet, die durch Angleichen der eigenen Person an andere geschieht und in der die verinnerlichten Wertvorstellungen der kulturellen Umgebung über das Individuum herrschen. Im Guten wie im Bösen. Denn auch Lautreamont wusste, dass es "oft nicht imstande ist, das Böse zu verhüten" - und hiermit sind wir nun bei unserer Nummer eins in der Sachbuch-Bestenliste, dem Buch "Der Übermuslim" des aus Tunis stammenden französischen Psychoanalytikers Fethi Benslama.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Von den wirklich zahlreichen Arbeiten über die "schwarze" Gefahr des Islamismus, die Salafisten und den sogenannten islamischen Staat hat sich unsere Jury dieses Buch ausgesucht, mit Bedacht. Denn Standarderklärungen reichen offensichtlich nicht aus, um die Ursachen des radikalisierten Islam zu erklären. Benslama diagnostiziert hingegen mit psychoanalytischem Sachverstand eben jene Macht des Übermuslim, die vom Muslim verlangt, "Buße zu tun und zu bereuen, sich zu reinigen und ein Leben ganz in Übereinstimmung mit dem Koran zu führen". Eine erstaunliche Tiefenlotung in die Fantasmen der Angst, die der Übermuslim in jungen Muslimen freisetzt. Wir befinden uns in Abgründen der Seele.

Bewegendes Zeitzeugnis

Auf ganz andere Weise und mit einem anderen Zwang zur Reflexion hat uns die Fotographin, Übersetzerin und Essayistin Ré Soupault schon vor vielen Jahren erschreckende Seelenzustände vor Augen geführt: in "Katakomben der Seele". Die Jury hat diese etwas abgelegen publizierte "Reportage über Westdeutschlands Vertriebenen- und Flüchtlingsproblem 1950" gleichwohl als Erstpublikation aus dem Nachlass im Verlag Das Wunderhorn entdeckt und auf die Liste gehoben. Sie besuchte unter anderem die Flüchtlingslager Friedland, Dachau und Geretsried und führte Gespräche mit den Verantwortlichen der Lager, mit Politikern und mit vielen Flüchtlingen und Vertriebenen. Sie beschreibt die erschütternden Zustände in Massenunterkünften, berichtet über neue Flüchtlingssiedlungen, schreibt über Verlust der Heimat und die Hoffnungen für einen Neuanfang. Ré Soupaults Text ist von besonderer Klarheit, an Fakten orientiert und gleichzeitig ein bewegendes Zeitzeugnis einer Frau, die 1928 Deutschland verlassen hatte und danach nur noch für kurze Besuche dorthin zurückkehrte. Ihre Fotografien schließen dabei an ihr großes fotografisches Werk aus den 1930er- und 1940er-Jahren an. Und ihr Text ist erschreckend aktuell im Vergleich zu den heutigen Reportagen über das Schicksal der Flüchtlinge aus Afrika und Syrien.

"Ethik der Migration"

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Das Problem der Migration ist ein Dauerproblem der Menschheit; lange war diese Tatsache verdrängt, jetzt steht sie unumstößlich vor unseren Augen: Der "Atlas der Umweltmigration" zeigt uns in aller Deutlichkeit das Ausmaß. Aber ist das Problem allein politisch überhaupt zu bewältigen? Der Philosoph Julian Nida-Rümelin sagt "nein". Wir brauchen eine "Ethik der Migration", die eine Brücke zwischen Philosophie und Politik schlägt. Sein Buch macht klar: Politisches Handeln muss auf den Werten und Normen der Humanität beruhen. Dazu braucht es nicht nur Politiker, sondern uns alle und unsere Zivilcourage.

Ein Kaleidoskop fataler Hoffnungen

"Unverhofft kommt oft" - dieser Spruch der Besserwisser könnte den Historiker und Sachkenner Joachim Radkau herausgefordert haben, einmal im Blick zurück den seinerzeitigen Blick voraus zu untersuchen und die "Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute" kritisch zu mustern. Seine "Geschichte der Zukunft" ist ein gewaltiges, mit feiner Ironie und großem Schwung geschriebenes Kaleidoskop fataler Hoffnungen und verwegener Utopien, die mit einem trotzigen "Dennoch" daherkamen, wie - dieses wiederentdeckte Fremdwort sei allen Liebhabern außergewöhnlicher Namen doch noch ans Herz gelegt - die Kephalophoren, jene Heilige, die ihr abgeschlagenes Haupt unter dem Arm tragen. Kleine Reaktoren im Garten, Individualverkehr für alle und vielleicht auch Sozialismus als Lösung für Ungerechtigkeit - Joachim Radkau beschreibt, wie sich Zukunftsvisionen in Albträume verwandeln können. In den Widersprüchen entdeckt er eine gewaltige Dynamik: "Synergieeffekte der Globalisierung und Digitalisierung, und: die Heillosigkeit der Himmel-Hölle-Alternative". Ein ungewöhnlicher Blick auf die Geschichte zwischen Heiterkeit und Staunen.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Die Sachbücher des Monats

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Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.05.2017 | 10:20 Uhr

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