Stand: 30.06.2015 22:05 Uhr

Sachbücher des Monats Juli 2015

von Andreas Wang

Puh, nun atmen wir alle erst einmal durch - Ulrich Menzels Buch "Die Ordnung der Welt" mit seinen 1.229 Seiten steht jetzt doch auf unserer Liste. Die Beantwortung der Frage "Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt" hat nicht alle Mitglieder unserer Jury überzeugt, aber eine Spitzenposition hat die "Totalerhebung", so die Programmbeschreibung des Autors selbst, immerhin erreicht. Verdientermaßen? Ein "Standardwerk über die Vergangenheit und Zukunft unseres Globus" tönt der Verlag und tatsächlich: Um nicht weniger als die ganze Welt soll es dem Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen an der TU Braunschweig, Ulrich Menzel - der sich selbst als "Spezialist fürs Allgemeine" versteht -, gehen.

Ein klarer Blick fürs Große und Ganze ist dazu nötig, belastbare Kriterien für die Konstruktion radikaler Typologisierungen und der Mut zu ihrer Anwendung. Über alles dies verfügt Menzel und so gelingt es ihm, seine unverkennbare Sympathie für Hegemonien gegenüber Imperien historisch zuverlässig zu begründen und nicht als Schwarz-Weiß-Muster zu verwenden. Es ist zu erwarten, dass die USA in einer gewissen Weise idealtypisch für eine Hegemonialmacht, Russland für eine Imperialmacht erscheinen - aber die Staatengeschichte ist lang und beginnt hier mit der Song-Dynastie im China der Jahre 960 bis 1204, geht über das erste Weltsystem der Mongolen, das Handelsreich Genuas etc. und kommt erst dann zur Gegenwart. Man liest das Buch mit großem Gewinn an überraschenden Details und ist zum Schluss dann doch über die Erkenntnis froh, dass Imperien letztlich schwache und Hegemonien starke große Mächte waren und sind.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Eile mit Weile

Auf Platz eins unserer Liste steht aber ein anderes Buch, und dies hat die Jury in Atem gehalten - ebenfalls eine Art Totalerhebung, wenn auch etwas bescheidener, und vor allem: mit einem gänzlich anderen Fokus: "Die Unruhe der Welt". Ralf Konersmann, Philosophieprofessor in Kiel, deutet Unruhe als eine Art intellektuelle Treibkraft zum Fortschritt, als jenes Vermögen, aus dem Stillstand des Schicksals ein aktives Gestalten der Welt zu machen. Diese Treibhaftigkeit ist und war nie unbestritten positiv - sie musste sich gegen die "Seelenruhe" in verschiedenartigem historischen Gewande durchsetzen und gilt vielen heute als Stressfaktor. Sein Streifzug durch mythische, religiöse, literarische, wissenschaftliche und historische Texte zeigt aber: Ohne Unruhe keine Kultur, keine Wissenschaft, keine Zukunft. Indem Konersmann am Ende zum Ausgleich zwischen Ruhe und Unruhe rät, verrät sich die Verlässlichkeit der alten Volksweisheit: Eile mit Weile.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Fritz Göttler ("Süddeutsche Zeitung"), Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann, Guido Kalberer ("Tages Anzeiger"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler (Humboldt Universität Berlin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Albert von Schirnding, Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Dr. Jutta Person (Philosophie Magazin), Jana Hensel (der Freitag)

"Sex, Lügen und Revolution"

Zwischen diesen beiden letztlich 'normalen' Sachbüchern, stehen nun "Unsagbare Dinge", Laurie Penny's wilde Abrechnung mit "Sex, Lügen und Revolution". Dieses Buch ist erklärtermaßen ein "feministisches Buch" und "auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Polemik". Es muss also anders gelesen werden als eine nüchterne Abhandlung. Wer sich darauf einlässt, wer also bereit ist, extrem subjektive Wahrnehmungen und Erfahrungen als beispielhaft für immer noch existierende Unfreiheit, Unterdrückung, Gewalt, Sexismus etc. zu akzeptieren, wird vielleicht seine Fassungslosigkeit über diese 'Tatsachen' ernst nehmen. Ob er selber eigene Verhaltensweisen, Ansichten, Positionen zu ändern bereit und in der Lage ist, muss jeder selbst entscheiden. Anzuraten wäre es.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.07.2015 | 11:20 Uhr