Stand: 30.12.2015 15:06 Uhr

Sachbücher des Monats Januar 2016

von Andreas Wang

Die erste Sachbuchbestenliste des neuen Jahres steht ganz im Zeichen aktueller und wohl auch zukünftiger Probleme, globaler Aufgaben und religiöser Spannungen. Mich wundert es nicht, denn nicht nur Autoren und Verlage reagieren auf die aktuelle Lage, sondern auch die Mitglieder unserer Jury haben einen geschärften Blick auf die Zeichen der Zeit. Auffällig ist allerdings, wie eng beieinander die vielleicht denkbar größten Widersprüche bzw. unvereinbare Positionen liegen: Platz 1 nimmt ein Buch ein, das sogar auf der Longlist 2016 des "Wissenschaftsbuchs des Jahres", den das österreichische Ministerium für Wissenschaft auslobt, steht: die "Kurze Geschichte der Migration" von Massimo Livi Bacci. Für ihn ist die Tatsache, den Ort zu wechseln, sich eine neue Heimat zu suchen, Grenzen zu überschreiten, unverbrüchlich mit der Geschichte Europas verbunden, ja mit der Menschheitsentwicklung insgesamt. Er warnt vor der Verwandlung Europas in eine Festung und plädiert für Offenheit.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Für Carl Schmitt hingegen, den einstigen "Kronanwalt des Dritten Reichs", auf unserer Liste die Nr. 2, sind Grenzen und Territorien derart die Grundlagen des Staates, dass sich dessen Souveränität durch das Recht begründet, die Grenzen auch mit Gewalt zu verteidigen. "Wie entsetzlich ist eine Welt, in der es kein Ausland mehr gibt, und nur noch ein Inland; keinen Weg ins Freie, keinen Spielraum freien Kräftemessens und freier Krafterprobung. One World" - so nachzulesen im "Glossarium", Schmitts Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1958. Wie man mit höchster Scharfsinnigkeit und aus immenser Kenntnis heraus zu Erkenntnissen und Überlegungen gelangt, die wir heute wenn nicht als falsch, dann doch als höchst bedenklich empfinden, lässt sich bei Schmitt studieren, nicht nur durch seinen unheilvollen Blick auf die völker- und staatsrechtlichen Befunde der Nachkriegszeit, sondern auch seine historischen Diagnosen der Nazizeit.

Zeit der Widersprüche

Massimo Livi Baccis Plädoyer für eine offene Gesellschaft zur Sicherung unserer Zukunft durch Migration und die Aufnahme von Asylsuchenden konkurriert hierzulande mit einer wachsenden Angst um die Zukunft gerade durch diese Menschen. Warum wir uns aber nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten, erklärt der "taz"-Journalist Daniel Bax. Er nennt Namen: von Thilo Sarrazin bis Hamed Abdel-Samad, Heinz Buschkowsky und Udo Ulfkotte und stellt sie gewissermaßen als Kronzeugen jener dar, die im Verein mit voreingenommener Medienberichterstattung die "Angst ums Abendland" schüren. Bax rechnet nun mit niemandem ab; er analysiert nüchtern und sachlich und zeigt, dass die Fakten eine andere Sprache sprechen als die Angstmacher behaupten.

Und doch: Wir leben in Zeit der Widersprüche, das zeigt eben auch unsere Liste in seltener Klarheit. Warnt der eine, Bax, vor den Islamfeinden, warnt der andere, Ahmed Mansour, vor der extremen Strömung des Islam, den Salafisten. Mansour, der einst selbst zu extremistischen islamischen Gruppen gehört hat, behauptet, hier wachse mitten in Deutschland eine ganze Alterskohorte von jungen Leuten heran, für die der muslimische Glaube alles, der säkulare Rechtstaat aber de facto nichts bedeutet. Eine Gefahr, die wir unterschätzen? Wir sind alle herausgefordert.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Fritz Göttler ("Süddeutsche Zeitung"), Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann, Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler (Humboldt Universität Berlin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Albert von Schirnding, Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Jana Hensel ("der Freitag"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Wege zu einem fruchtbaren Miteinander

Was ist zu tun, um diese Herausforderung anzunehmen und in den Prozess der Gestaltung unserer Gesellschaft einzubeziehen? Das "Konvivialistische Manifest" (2014) hat die globale Debatte um die Frage neu angefacht, wie das Zusammenleben der Menschen angesichts von Migration und Klimakatastrophe, Finanzkrise und Zunahme "gescheiterter Staaten" gestaltet werden könnte. Daraus hat sich, übertragen auf deutsche Verhältnisse, eine Debatte entzündet, die in dem Band mit dem umständlichen Titel "Konvivialismus" zusammengefasst wird. Leicht ist es nicht, angesichts der Komplexität der Probleme weltweit, hierzulande Wege zu einem gedeihlichen Miteinander zu finden, aber es ist nicht aussichtslos - und die Beiträge dieses Bandes beruhen auf der Hoffnung auf eine neue Kunst, miteinander zu leben (con-vivere). Viel Utopie, viel Idealismus, manche praktische Perspektive kann man hier nachlesen. Immerhin: "Man sollte das 'konvivialistische Manifest', schrieb seinerzeit die "taz", "in erster Linie als Hilfeschrei lesen. Ein Schrei allerdings, der die Vision einer besseren Zukunft zumindest andeutet."

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.01.2016 | 11:20 Uhr