Stand: 28.07.2016 17:42 Uhr

Sachbücher des Monats August 2016

von Andreas Wang

Das passt ja gut - dieses Buch über die Olympischen Spiele so kurz vor deren diesjährigem Beginn in Brasilien. Zu übersehen war Klaus Zeyringers "Kulturgeschichte" nicht, und unsere Jury hat es auch hinreichend gewürdigt. Tatsächlich ahnte man nicht, wieviel Idealismus neben manchem Kuriosem an den Anfängen der Olympischen Spiele seit 1896 standen: Sackhüpfen, Kanonenschießen, Seilklettern, Unterwasserschwimmen nicht zu vergessen, und der Gedanke, "die Spiele sollten wie ein Gesamtkunstwerk von (Richard) Wagner wirken".

Übersicht: Die besten Sachbücher

Baron Pierre de Coubertin, ein studierter Pädagoge mit weitreichenden Ambitionen, plante, angeregt durch Ausgrabungen im antiken Olympia, ein "sinnliches Gemeinschaftserlebnis (...) als Ersatz von religiöser und magischer Verzauberung". Aus der Idee mit einer derartigen hehren Absicht bis zu dem heutigen Massenspektakel, den interessengeleiteten Irrungen und Wirrungen sportlicher Wettkämpfe ist es ein weiter Weg gewesen, und Zeyringer zeigt ihn uns in all seinen Verzweigungen und Abwegen. Auf ihm schreitet die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts als olympische Bewegung voran, der Nationalsozialismus oder der Kalte Krieg mit seinen Kämpfen um ideologische Vorherrschaft der jeweiligen Systeme, am Ende die Bemühungen, diese Vorherrschaft auf sportlicher Ebene durch den flächendeckenden Einsatz von Doping zu erreichen. Und wir sehen, wie sich die Olympischen Spiele von einer "volkspädagogischen Bewegung", die zur "Ehre der Menschheit" ins Leben gerufen wurden, nach und nach zu einer hochkapitalistischen Weltmarke entwickelt haben. Dass sich in "Turnübungen" von Anfang an "allerlei Politisches (...) einschlich", hatte im übrigen schon Goethe 1825 beobachtet. Er war bloß traurig, wir sind entsetzt.

Goethes Rezept zum Glück

Bleiben wir, aus gegebenem Anlass, nämlich dem schönen Buch von Stefan Bollmann auf unserer Liste, bei Goethe. Und auch hier geht es um einen Weg, einen Lebensweg, genauer gesagt, aber heiter und entspannt. Spaziergänge sind es, auf denen uns Bollmann durch Goethes Leben und Werk führt und dabei zeigt, wie hilfreich die Goethe-Lektüre für das eigene Leben sein kann: Ob es um Liebe geht oder den Weg zu sich selbst. "Mir ist in allen Geschäften und Lebensverwirklichungen", schrieb Goethe 1824 an Herrn von Müller, "das Absolute meines Charakters sehr zustatten gekommen", und vielleicht gilt er aus diesem Grunde als Muster eines "gelungenen Lebens": erfolgreich, erfüllt, in sich ruhend, hoch gerühmt, und so weiter, die Qualitäten sind noch lange nicht alle genannt. Wie das Gelingen gelingt, zeigt uns Bollmann auf eine wunderbar leichte, dem Gegenstand Goethe wie dem heutigen Leser sehr zugewandte Weise. Wir lesen natürlich von Werther und Faust, von Wilhelm Meister und Italien, also von Lebens- und Schreibstationen Goethes, aber nicht als bedrohliche Klassikertexte, sondern als bewundernswert erfüllte Bewährungsaufgaben und -strategien. Das Rezept Goethes ist Wandel und Transformation, den Umständen entsprechend. Das mag banal klingen, ist es aber nicht. Es ist der Weg zu sich selbst, zu dem, was einem selbst förderlich ist und was nicht.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

"Der deutsche Wald"

Und noch ein bisschen Goethe: "Ich ging im Walde / So für mich hin / Und nichts zu suchen / Das war mein Sinn" - ein Liebesgedicht aus dem Jahr 1813. Die Absichtslosigkeit ist es, die das wahre Glück ermöglicht - und der Wald, speziell: der deutsche Wald. Diesem "Urtopos der deutschen Identität" widmet Johannes Zechner seine Studie. "Grauenerregende Wälder und grässliche Sümpfe" widerten die Römer an - die Deutschen sahen sie als Verbündete und gründeten ihr Selbstbewusstsein auf den Sieg der Germanen über die römischen Legionäre im Teutoburger Wald; die Romantiker verklärten den Wald zum Idealbild der deutschen Seele; die Nationalsozialisten instrumentalisierten ihn für Denkmuster von Lebensraum, Germanentum und Volksgemeinschaft und feierten den Wald "als die beste Art, im Einklang mit dem Unendllichen" zu leben. Die deutsche Waldverherrlichung hatte darüberhinaus eine antifranzösische, antirevolutionäre Stoßrichtung - so sehr, dass Zechner die napoleonischen Kriege als eigentliche Geburtsstunde des deutschen Silvanationalismus, wie er es nennt, ansieht. In all den Erschütterungen seit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs und angesichts der territorialen Zersplitterung sollte der "deutsche Wald" Beständigkeit und kollektive Einheit signalisieren. "Wir Deutschen sind von alters her ein Waldvolk gewesen und in unserem innersten Wesen bis heute geblieben", hieß es noch in einer deutschen Anthologie vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. "Im Wald, im Wald! da konnt ich führen / Ein freies Leben mit Geistern und Tieren; / Feen und Hochwild von stolzem Geweih, / Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu", dichtete Heinrich Heine - das ist nun doch eine Weile her.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Die Sachbücher des Monats

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 02.08.2016 | 11:20 Uhr

Mehr Kultur

28:06

"Elefant" - Teil 2

25.07.2017 09:00 Uhr
NDR Kultur
02:58

Ausstellung: Alfred Ehrhardt in Schleswig

24.07.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin
02:03

Hamburg Dungeon zeigt "Lord von Barmbeck"

24.07.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal