Stand: 29.07.2015 17:57 Uhr

Sachbücher des Monats August 2015

von Andreas Wang

Warum lachen Täter, wenn sie sich und ihre abscheulichen Taten in der Öffentlichkeit präsentieren, wie Anders Behring Breivig, der am 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen erschoss? Oder die Killer des Islamischen Staates, die ihre grausamen Köpfungen im Internet ausstellen und sich dieser Taten rühmen? Das sind Fragen, denen Klaus Theweleit in seinem Buch nachgeht, und die auch die Mitglieder unserer Jury so sehr bewegen, dass sie dieses "Psychogramm der Tötungslust" besonders hervorheben.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Theweleit, der seit seiner Doktorarbeit "Männerphantasien" 1977 gewissermaßen an dieser männlichen Aggressivität dran ist, arbeitet auch in seinem jüngsten Buch Grunddispositionen eines bestimmten Tätertyps heraus, die er im Grunde seit der Antike erkennt. So sei Breivik ein "strukturell patriarchalischer Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann" - womit Theweleit fast alle Facetten dieses Tätertypus genannt hat. Auf diese Weise erhellend und verstörend zugleich bricht Theweleit die gängigen Täterbeschreibungsklischees auf und zwingt die Leser dazu, erneut grundsätzlich über die Bedingungen und Folgen von Männerherrschaftskulturen nachzudenken. Männerfantasien sind (oft) gewalttätig und münden (allzu oft), das zeigt Theweleit mehr als eindringlich, in Tötungsfantasien.

"Das Privateigentum ist nicht absolut und unantastbar"

Von den tödlichen Männerherrschaftskulturen zur jüngsten Enzyklika des amtierenden Papstes zu kommen, ist wahrlich ein größerer Schritt. Vielleicht aber doch nicht? Denn die Folge jenes biblischen und womöglich allzu missverstandenen Aufrufs: "Macht Euch die Erde untertan" (1. Moses, 1,28) ist ja auch die um sich greifende Verwüstung der Welt durch Menschen - und das heißt hier: vornehmlich durch Männerhand. "Der Mensch als Dominator und Zerstörer, das ist keine korrekte Interpretation der Bibel", schreibt das Oberhaupt der katholischen Kirche.

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Es gibt viel zu lernen

Man sieht, der gegenwärtige Zustand der Welt und ihrer Gesellschaften ist offenkundig durch Gewalt, Zerstörung und Misstrauen geprägt. Es ist deshalb nicht ganz überraschend, dass unsere Jury auch den kleinen Essay von Jacques de Saint Victor bemerkt und entsprechend mit ihren Punkten versieht. Denn es ist dieses Misstrauen, das in großen Bevölkerungskreisen zur Politikverdrossenheit führt.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung), Prof. Dr. Rainer Blasius (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler (Berliner Zeitung), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann (In Rheinkultur), Guido Kalberer (Tages Anzeiger), Anke Kapels (Stern Gesund leben), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel, (Nordwestradio) Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person (Philosophie Magazin), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel (Der Spiegel), Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert (Spektrum der Wissenschaft), Dr. Jacques Schuster (Die Welt), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden (Die Zeit), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel (Neue Zürcher Zeitung)

Aus dieser Politikverdrossenheit entwickeln sich, so der französische Rechtshistoriker und Philosophieprofessor, antipolitische Strömungen mit unmissverständlichen Forderungen nach einer direkten Demokratie. Ihr Mittel ist das Web 2.0. Saint Victor beschreibt die Gefahren, die entstehen, wenn "direkt" heißen soll, die repräsentativen Instanzen auszuschalten, insofern noch über die partizipative Demokratie hinausgehen zu wollen. Die Folgen wären eine "Klick"-Demokratie, die in Zuspitzung auch in eine Diktatur der Mehrheit münden kann. Es ist nur ein kleiner Schritt von der direkten Demokratie zur direkten Demagogie. Schwarzmalerei? Nun, Saint Victor steht ja nicht allein mit seiner kritischen Haltung. Es herrscht nämlich durchaus auch ein verbreitetes Misstrauen gegen die Absicht, das Web für politische Einflussnahme zu nutzen - wir müssen viel lernen.

Sachbücher des Monats: Rückblick

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.08.2015 | 10:20 Uhr

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