Stand: 17.02.2016 12:30 Uhr

Eine entscheidende Frage

Und was hat das mit mir zu tun?
von Sacha Batthyany
Vorgestellt von Katja Eßbach
Bild vergrößern
Der 1973 geborene Journalist lebt inzwischen in Washington D.C. als Korrespondent.

Durch eine Kollegin wird der Schweizer Journalist Sacha Batthyany auf ein Verbrechen aufmerksam gemacht, in das eine seiner Tanten vor mehr als 70 Jahren verwickelt gewesen sein soll. Batthyany beginnt, seine Familiengeschichte zu recherchieren und fragt: Was haben Verbrechen, begangen von unseren Vorfahren, eigentlich mit uns, den Nachgeborenen zu tun? Aus seinen Recherchen entstand ein bewegendes Buch unter dem Titel "Und was hat das mit mir zu tun?".

Ein furchtbares Verbrechen

Vielleicht hätte es dieses Buch ohne den Schriftsteller Maxim Biller nie gegeben. Sacha Batthyany traf Biller zufällig mit einem gemeinsamen Freund in einem Restaurant. Sie kamen ins Reden, Batthyany erzählte seine Familiengeschichte und Biller stellte die alles entscheidende Frage: "Und was hat das mit dir zu tun?"

"Mit so einer Frage hatte ich nicht gerechnet", sagt Batthyany. "Ich hatte sie mir bis dahin nie gestellt, weil sie so absurd klang. 'Was also hat das mit mir zu tun?', wiederholte ich, um Zeit zu gewinnen - 'nichts, warum auch, ist doch alles so lange her'."

Was so lange her ist, ist ein furchtbares Nazi-Verbrechen. Im März 1945 gibt Batthyanys Großtante Margit, eine Gräfin, wenige Wochen vor Kriegsende ein rauschendes Fest im österreichischen Rechnitz. Es feiern Mitglieder der Gestapo und lokale Nazigrößen. Gegen Mitternacht verlassen einige der Gäste das Schloss und erschießen am Bahnhof der Stadt 180 Juden, die dort auf ihren Weitertransport warten. War auch Tante Margit unter den Mördern? Die Tante, mit der der Autor als Kind oft in Zürich essen war?

Nachforschungen in der Vergangenheit

Batthyany beginnt in der Vergangenheit zu graben: "Zu Beginn meiner Nachforschungen wollte ich wissen, was wirklich passiert ist. Ich suchte in Archiven, schrieb Briefe, las Akten zum Rechnitz-Prozess, trieb Margits schweizerische Staatsschutzdossiers auf und fragte mich, wer in unserer Familie etwas über das Verbrechen wusste und warum niemand darüber sprach."

Mit der Zeit aber, schreibt Sacha Batthyany, veränderte sich sein Fokus. Er wollte nun nicht mehr vor allem ein Verbrechen rekonstruieren. Es ging zunehmend um ihn selbst: "Was hat das mit mir zu tun?"

Es sind die großen Fragen, die sich der Autor stellt und für deren Antworten er um die halbe Welt reist. Was haben Verbrechen, begangen von unseren Vorfahren, eigentlich mit uns zu tun? Prägen die vorangegangenen Generationen unser Leben heute?

Fund im Militärarchiv

Batthyanys Ton ist vorsichtig, fast unsicher. Immer wieder stellt er sich, seine Erkenntnisse, seine Gefühle in Frage. Er beginnt eine Psychoanalyse. Er liest alte Tagebücher. Und er reist mit seinem Vater nach Russland, dem Schicksal des Großvaters auf den Spuren:

Zehn Jahre verbrachte mein Großvater in russischer Gefangenschaft. Von 1945 bis 1955. Beinahe hundert Seiten umfasst die Akte über diese Zeit. Sie hatte sechzig Jahre im Militärarchiv gelegen, bis ich sie ausfindig machte, fotokopieren und übersetzen ließ. Ein Foto, das 1955 von ihm gemacht wurde, (...) zeigt einen Lagermenschen (...). Der Kopf rasiert, ein paar Zähne verloren, die Augen tot. Leseprobe

Eine fesselnde Geschichte

Sacha Batthyany vermag den Leser zu fesseln, indem er ihn ganz dicht an sich heranlässt, teilhaben lässt an Zweifeln, Überzeugungen und Trauer. Das könnte leicht larmoyant und kalkuliert wirken. Aber Batthyany trifft den richtigen Ton. Er kann seine Geschichte so spannend erzählen, dass man unbedingt an ihrem Ende interessiert ist. Er verquickt seine Familiengeschichte mit der Geschichte Europas der vergangenen siebzig Jahre. Die ganzen Verwüstungen und Schrecklichkeiten haben seine Familie geprägt.

All das, so schreibt er, bestimme die Beziehungen innerhalb der Familie bis heute: "War ich nicht nach Sibirien geflogen, damit mein Vater mich endlich bemerkte? Und nun, da wir hier waren, musste ich feststellen, dass er mich nicht bemerken konnte, weil da so viele Dinge im Weg standen und ihm die Sicht auf mich verdeckten: Der Kommunismus, der Gulag, unsere Vorfahren in Uniformen. Kein Wunder, dass mein Vater mich nicht bemerken konnte."

Und was hat das mit uns zu tun? Nichts. Alles!

Und was hat das mit mir zu tun?

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04831-5
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.02.2016 | 12:40 Uhr