Jung, talentiert und gelangweilt

von Joachim Dicks

Ronja von Rönnes erster Roman hat es gleich zu einer ausführlichen Besprechung im "Spiegel" gebracht. "Die Zeit" und die "Süddeutsche Zeitung" haben ihr ausführliche Rezensionen gewidmet. Wohl auch, weil sie im vergangenen Jahr mit einem Artikel unter der Überschrift "Warum mich der Feminismus anekelt" einen regelrechten Shitstorm losgetreten hat. Für ein Debüt ganz schön viel Aufregung. NDR Kultur hat sie auf der Buchmesse in Leipzig getroffen.

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Autorin Ronja von Rönne hatte vor der Veröffentlichung ihres Debütromans große Angst.

Auf dem Cover des Romans "Wir kommen" brennt ein Streichholz. Und im Buch heißt es einmal "It’s a match!", was sowohl Streichholz als auch Spiel oder Übereinstimmung heißen kann (oder auf die freudige Bestätigung der Dating-App Tinder rekurriert, die mitteilt, dass ein interessierter Gegenpart gefunden wurde). Über solche mehrdeutigen Sprachspiele macht sich Ronja von Rönne gern lustig, indem sie sie selbst verwendet.

Unter dem Titel "Sudelheft" schreibt die Mittzwanzigerin schon seit 2012 ein Internet-Tagebuch. Darin war erst kürzlich zu lesen: "In knapp zwei Wochen erscheint mein Buch. Ich habe sehr große Angst davor und fühle mich furchtbar."

Und jetzt, ein paar Tage nach der Veröffentlichung und dem ganzen Medienrummel? "Ich habe keine Angst, aber es ist immer noch furchtbar", beschreibt sie das vorherrschende Gefühl. "Ich hatte sehr große Angst, und ich finde, dafür ist es eigentlich ganz glimpflich gelaufen bisher. Ich dachte, dass es noch viel härter wird. Ich hatte große Angst, dass es nur um die Person geht, überhaupt nicht ums Buch. Ich hatte Angst, dass Kritiker es hassen, weil ich es hasse, naturgegebenermaßen, weil ich Autor bin und deshalb jede schlechte Kritik verstehen kann. Ich könnte selbst einen wahnsinnig guten Verriss darauf schreiben."

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"Wir kommen" heißt der schnoddrig geschriebene Debüt-Roman von Ronja von Rönne. Die Handlung mäandert relativ sinnlos dahin und endet nach 200 Seiten ohne richtigen Schluss. mehr

Langeweile ist das Hauptproblem

Wie sähe der wohl aus? Etwa so: Die Geschichte des Romans ist schnell erzählt. Da sind vier Freunde und ein fünfjähriges Kind, die in einer Art Kommune eine sehr offene Freundschaft ausleben. Getreu dem popliterarischen Motto: Wir sind politisch und sexuell andersdenkend. Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin Nora, die ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken für ihren Therapeuten aufschreibt, denn sie leidet an frühmorgendlichen Panikattacken. In Rückblenden gibt es dann noch eine andere Freundin namens Maja, die verschwunden, wenn nicht gar verunglückt ist.

Langeweile ist das Hauptproblem dieser Protagonisten. Und leider auch der Autorin. Oder würde Ronja von Rönne in ihrem Verriss schärfere Kaliber auffahren? Nun wird der Roman auch als eine Art Generationenporträt gelesen. Einmal heißt es, die Protagonisten seien Teil einer "Generation, die aufarbeitet, Epigenetik heiße das, wir seien die wohlbehütetste und depressivste von allen Generationen". Was genau ist damit gemeint?

"Damit ist eigentlich nur gemeint, dass diese Figuren sehr gerne reflektieren. Der Satz ist nicht von mir als Autorin, sondern er ist ein Exempel dafür, wie sehr sie um sich selbst kreisen, wie sehr sie um ihre eigenen Figuren, ihr eigenes Leben, ihr eigenes Denken kreisen und da nicht rauskommen. Und das ist ein Beispiel dafür. Ich habe mir nicht vorgenommen, ein Generationenbuch zu schreiben, denn mich hat kein Plenum von Zwanzigjährigen dazu erwählt, ihre Stimme zu sein. Ich fühle mich dazu auch nicht berufen. Ich spreche wirklich nur für mich selbst, aber natürlich beschreibe ich in diesem Buch diese, meine Gegenwart."

Ronja von Rönne © dpa/APA Fotograf: GERT EGGENBERGER

Ronja von Rönne im Interview

NDR Kultur

NDR Kultur hat die Autorin Ronja von Rönne auf der Leipziger Buchmesse getroffen und mit ihr über ihren Roman "Wir kommen" und das Medienecho gesprochen, das ihr Debüt auslöste.

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Die Sprache dieses knapp 200 Seiten langen Romans ist durchgängig lakonisch, knapp, schnörkellos und ornamentfrei, als wäre sie eher aus Internetquellen gespeist als aus literarischen Traditionen. Wozu dient dann aber die klassische Gattung des Romans? "Das ist nicht so groß gedacht wie meistens", sagt Rönne. "Ich schreibe wie ich schreibe. Ich habe es gelernt übers Bloggen. Das heißt, die kurze Form war meine Form. Und ich wusste, dass es eine Herausforderung ist, das in eine Romanlänge zu ziehen, ohne die Menschen damit zu langweilen. Deshalb habe ich mir diese Tagebuchform ausgesucht, die eben auch erlaubt, unterschiedlich zu schreiben, ohne sich auf einen Stil festzulegen."

Das Scheitern an der Sprache

Es ist ein alter frühromantischer Gedanke, den Roman als Reflexionsmedium zu nutzen. Soll so auch die Krise der Sprache durchleuchtet werden? Der Roman als "Kraftakt der Selbstreflexion und Sprachkritik“? Die kleine Emma-Lou, die mit ihren fünf Jahren eigentlich sprechen können sollte, verweigert sich dem gesprochenen Wort. Wenn die Grenze der Sprache auch die Grenze der Welt ist, ist es um diese Welt schlecht bestellt. "Urteile über die Welt sind schwierig, aber ich bin mir sicher, dass es schlecht um sie bestellt ist, alles andere wäre unangemessen", meint auch Rönne. "Ich habe in diesem Roman zwei stille Figuren, eine Schildkröte und ein fünfjähriges Kind. Und alle von den Erwachsenenfiguren scheitern an der Sprache."

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