Stand: 15.08.2017 23:59 Uhr

Erinnerung an verblassende Geschichten

Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
von Paulus  Hochgatterer
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Paulus Hochgatterer, Jahrgang 1961, erhielt viele Auszeichnungen, zuletzt den Österreichischen Kunstpreis 2010.

Der Österreicher Paulus Hochgatterer hat zwei Berufe: Als Mediziner leitet er die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln an der Donau. Er ist Schriftsteller, dessen Werke großes Lob, Beachtung und Bewunderung bekommen. Sein neues Buch ist schmal, eine Erzählung, die den Titel trägt: "Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war".

Paulus Hochgatterers Ton in dieser Geschichte ist behutsam, als habe er eine Dokumentenschachtel geöffnet mit Papieren, die mit den Jahren brüchig geworden sind und bei grober Behandlung zu zerfallen drohen. "Der Kern dieser Geschichte ist eine Geschichte aus meiner Familie. Das heißt, es gab eine Szene auf dem Bauernhof meines Großvaters, die zum Kristallisationspunkt dieser Geschichte geworden ist ", so Paulus Hochgatterer.

Von Ereignissen auf diesem Hof des Großvaters im Jahr 1944 erzählt Hochgatterer. Hier tauchte ein etwa 13-jähriges Mädchen auf. Das Kind ist verstört und sagt nicht, zu wem es gehört, woher es stammt. Ohne lange Nachfragen wird das Mädchen aufgenommen und Teil der Familie.

Zögerliche Annäherung

Dann kommt eines Tages ein junger Russe, der aus deutscher Gefangenschaft geflohen ist. Zwischen ihm und dem Mädchen spinnt sich eine zarte Verbindung, sie reden oft leise und in eigentümlicher Vertrautheit miteinander. Während der Erzählung wechselt Hochgatterer immer wieder die Perspektive und verschiebt dabei leicht die Sicht auf das, was geschehen ist, gibt den Ereignissen ein durchaus besseres Ende. Es ist: "Die Sehnsucht danach, dass die Dinge gut ausgehen und gleichzeitig das Wissen drum, dass das nicht der Fall ist", so der Autor.

Deutsche Soldaten besetzen den Hof, requirieren alles und benehmen sich schrecklich. Zum Beispiel wird die Familie gezwungen, das einzige Schwein zu schlachten, weil die deutschen Herren Gusto auf Schweinebraten mit Knödeln verspüren. Am Karfreitag.

Das Geheimnis des russischen Gefangenen

Dann entrollt sich eine weitere Geschichte. Der junge Russe hat eine Leinwand bei sich, die er hütet wie seinen Augapfel. Später wird das Bild entdeckt und einmal beschrieben, so dass man es zuordnen kann. Ein blauer Pferdekopf, dunkelblauer Halbmond, ein paar Hügel in Rot und Grün. Es soll aus dem Privatbesitz von Göring entwendet worden sein und es bleibt ein Rätsel, wie dieses Bild in die Hände eines entflohenen russischen Gefangenen gekommen ist.

Michail wird von einem deutschen Leutnant erschossen. Jakob, einer aus der Familie des Bauern nimmt all seinen Mut zusammen und fragt den Mörder des Russen, ob er sich nicht schäme. Vieles in dieser Geschichte bleibt in der Schwebe und vieles wird man nie mehr klären können: "Der wahre Ausgangspunkt dieser Geschichte bei mir war das Bewusstsein, dass jetzt endgültig die Eltern sterben und dass damit die Generation, die all diese Dinge unmittelbar erlebt hat, nicht mehr verfügbar ist" erklärt Hochgatterer.

Sehnsucht nach verschwindenden Geschichten

Den Ton, die Stimmung dieser Geschichte, diese schwer zu verkraftenden Erlebnisse aus dem Krieg, die alle Kinder, die nach dem Krieg geboren wurden, so zögerlich und nur in kleinen Portionen von den Eltern gehört haben, sind in dieser Erzählung von Paulus Hochgatterer symbolisch eingefangen und spiegeln sich in seiner hochpoetischen, so seltsam Sehnsucht auslösenden Sprache. Sehnsucht nach was? Nach einem Leben ohne Angst, nach Frieden vielleicht. Aber das ist schon zu simpel gedacht in dieser, in so viele Richtungen offenen, Erzählung, die Erinnerungen an die Geschichten der eigenen Eltern weckt.

Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

von
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Erzählung
Verlag:
Deuticke Verlag
Bestellnummer:
978-3-552-06349-5
Preis:
18,00 €

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