Stand: 07.12.2017 11:30 Uhr

Sensationsfund: Pablo Nerudas Liebesgedichte

Dich suchte ich
von Pablo Neruda, aus dem Spanischen von Susanne Lange
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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1971 ist Neruda mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden.

2011, fast 40 Jahre nach dem Tod des chilenischen Literaturnobelpreisträgers und Politikers Pablo Neruda, begann die nach ihm benannte Stiftung damit, jedes Blatt Papier aus seinem Nachlass zu erfassen und zu katalogisieren. Am Ende des mühsamen Prozesses hatten die Archivare und Forscher gleich 21 bisher völlig unbekannte, also unveröffentlichte Gedichte entdeckt. Unter dem Titel "Dich suchte ich" sind sie nun in deutscher Übersetzung erschienen.

Zufallsfund im Nachlass des Dichters

Die Witwe hatte sie übersehen. Vielleicht auch, weil ihr Mann, der chilenische Dichter, die Verse teils wie beiläufig auf Konzertprogramme und Menükarten geschrieben hatte. In jedem Fall ist der späte Fund dieser 21 Gedichte Pablo Nerudas eine kleine Sensation, nachzulesen nun auch in deutscher Übersetzung. Beginnend mit sechs neuen Liebesgedichten.

Wo bist du hin Hast was getan
Ach Liebste
als durch diese Tür
nicht du tratst, nur der Schatten,
der Tag,
der sich verbrauchte, all das
was du nicht bist,
dich suchte ich
in allen Winkeln,
mir schien
du wärst in der Uhr, vielleicht
versteckt im Spiegel,
hättest dein verrücktes Lachen
gefaltet
damit
es hervorspringe
hinter dem Aschenbecher
du warst nicht da, nicht dein Lachen
nicht dein Haar
nicht deiner schnellen Schritte
Lauf Leseprobe

Ein thematischer Kosmos entfaltet sich

In diesen nachgelassenen Gedichten entfaltet sich noch einmal der ganze thematische Kosmos des Literaturnobelpreisträgers: die Liebe, das politische Engagement Nerudas, der vor den Franco-Putschisten in Spanien und als unbequemer Politiker vor den Faschisten in Chile fliehen musste, das Feiern von Landschaft und Natur und auch die Sorge um sie.

Ich schwang mich auf einen Tropfen Regen
ich schwang mich auf einen Tropfen Wasser
doch so klein war ich damals, so klein
dass ich abglitt von der Erde
mein Reittier ging verloren
zwischen Hufeisen, Wurzeln
der Mensch ist beschäftigt heute
betrachtet nicht den tiefen Wald
wirft keinen spähenden Blick mehr ins Laub
für ihn fallen keine Blätter vom Himmel
beschäftigt ist der Mensch heute
beschäftigt, sein Grab zu schaufeln.
[…] Leseprobe

Gedichte unterschiedlicher Qualität

Schwerpunkt Lyrik

Der Schriftsteller und langjährige Verleger Michael Krüger schrieb einmal von der "deprimierenden statistischen Tatsache, dass 99,4 Prozent der Deutschen die Lektüre auch nur eines einzigen Gedichts als lebensbedrohliche Zumutung" empfänden. Für die sehr viel mehr mindestens überzeugungsbereiten Leser stellt NDR Kultur in dieser Woche lyrische Neuerscheinungen vor.

Nicht alle der 21 Gedichte sind von gleicher literarischer Qualität. Würde man einige davon heute, selbst in der bestechenden Übersetzung von Susanne Lange, einem deutschen Verlag anbieten, ohne zu erwähnen, wer ihr Autor ist, hätten sie kaum eine Chance auf Veröffentlichung.

Das liegt weniger daran, dass sie vier bis sechs Jahrzehnte alt sind oder dass sie, der lateinamerikanischen Lyriktradition folgend, gerade nicht auf Präzision und Sparsamkeit setzen, sondern oft auf Reihung und Wortreichtum. Vielmehr wirken einige Verse schlicht kraftlos. Als hätte es der Dichter selbst gemerkt, scheint er vergeblich versucht zu haben, mit dem inflationären Gebrauch eines Wortes wie "Blut" die Texte zu beleben. Vielleicht hat Pablo Neruda sie genau deshalb nicht veröffentlicht.

Überraschende Entdeckungen

Aber einige sind eine wirkliche Entdeckung. "Das Schiff ist die Wolke des Meeres" ist nur eines von Nerudas wunderbaren Bildern. Großartig, wie der Dichter die Frühjahrsstimmung mit Hilfe eines Leguans einfängt, frappierend, wie er seine Abneigung gegen das Telefon in Verse bannt, berührend, wie er in einem Gedicht darauf reagiert, dass sich 1962 mit den russischen Raumschiffen "Wostok 3" und "Wostock 4" zum ersten Mal zwei Astronauten gleichzeitig im All aufhalten.

[…]
auch Städte, Rauch,
der Lärm der Massen,
Glocken, Geigen,
Kinderfüße vor der Schule,
all das lebt nun,
von nun an,
im Weltraum,
denn die Astronauten
reisten nicht allein,
sie nahmen mit sich unsere Erde,
den Geruch von Moos und Wald,
die Liebe, Band von Mann und Frau,
Erdenregen auf der Wiese,
etwas schwebte gleich
einem Brautkleid
hinter den zwei Schiffen her im Raum:
es war der Frühling der Erde
[…]

Die nachgelassenen Gedichten Pablo Nerudas sind insgesamt eine lohnende Zeitreise.

Dich suchte ich

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87508-8
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.12.2017 | 12:40 Uhr

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