Stand: 31.07.2015 10:01 Uhr

Nicolas-Born-Preis für Lukas Bärfuss

von Joachim Dicks
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Der Schweizer Lukas Bärfuss ist als Dramatiker bekannt. Mit "Koala" legte er aber auch einen beeindruckenden Roman vor.

Seit 2000 vergibt das Land Niedersachsen den Nicolas-Born-Preis. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Peter Rühmkorf, Walter Kempowski, Felicitas Hoppe und zuletzt Gerhard Henschel. Ab diesem Jahr findet eine inhaltliche Neuausrichtung statt. Erstmals wird der Preis in der Niedersächsischen Landesvertretung in Berlin vergeben - am 24. September. NDR Kultur wird die Preisverleihung als Kulturpartner begleiten.

"Es ist so eine Sache mit den Dichtern und der Dichtung. Man scheint sie zu brauchen, aber man weiß nicht, wozu" - so heißt es einmal in dem Essayband "Stil und Moral" des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss. Es ist einer dieser Sätze, die ihn in eine Linie mit Nicolas Born stellen. Auch dass er sich nicht mit einem literarischen Genre begnügt.

Bärfuss: "Im Roman ist alles möglich"

Was bei Born die Gedichte, sind bei Bärfuss die Theaterstücke. "Es sind zwei ziemlich verschiedene Disziplinen", sagt er. "Eine Regieanweisung 'Er schlägt ihr den Kopf ab' oder umgekehrt ist sehr schnell geschrieben, sehr schnell gelesen, aber auf der Bühne sehr schwierig zu realisieren. Im Roman ist es gerade umgekehrt. Es ist alles möglich. Man kann in der Küche sitzen und im nächsten Satz in einer Mondrakete. Man kann sämtliche Formen vom Essay bis zum Dialog, lyrische Passagen ... es hat alles Platz."

Lukas Bärfuss bekommt den erstmals mit 20.000 Euro dotierten Nicolas-Born-Preis. Den Debütpreis für noch unbekannte Talente - mit 10.000 Euro dotiert - erhält die Leipziger Autorin Daniela Krien. Damit werden erstmals zwei Schriftsteller mit dem Nicolas-Born-Preis ohne direkten Niedersachsen-Bezug ausgezeichnet. Hauptkriterium für die sechsköpfige Jury, zu der auch die Leiterin der NDR Kultur-Literaturredaktion, Ulrike Sárkány, gehört, war die sprachlich-ästhetische Nähe zum Namensgeber.

Weggefährten Borns in der Jury

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Der Preis erinnert an den Schriftsteller Nicolas Born, der 1979 im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg starb.

Dass diesmal drei Weggefährten Borns zur Jury gehörten, nämlich Hans-Christoph Buch, F. C. Delius und Hermann Peter Piwitt, hat die niedersächsische Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic besonders gefreut: "Dass uns das gelungen ist, das freut mich persönlich riesig, nicht nur weil ich die drei Autoren sehr schätze, sondern weil sie natürlich auch die Neuausrichtung am Werk Nicolas Borns unterstreichen und auch wirklich glaubhaft machen."

Weshalb war eine Neuausrichtung des Preises eigentlich notwendig? "Mir schien die Auswahl doch bisher sehr beliebig und ohne konkreten Bezug zum Namensgeber des Preises", so die Ministerin. "Und Nicolas Born war schon ein herausragender Autor mit einem sehr ausgeprägten Profil, das heißt, er hat zeit- und gesellschaftskritisch geschrieben, ohne aber auch irgendwelchen Moden zu verfallen. Er beherrscht verschiedene Gattungen und literarischen Spielarten und das alles auf höchstem sprachlichem und poetischem Niveau. Ich kenne wenige Autoren, die so sensibel mit Sprache umgegangen sind, wie Nicolas Born. Uns ging es einfach nur darum, dies auch bei der Auswahl der Preisträger mit in die Waagschale zu werfen und zu schauen, in wieweit sind es auch Preisträgerinnen oder Preisträger, die sich in irgendeiner Form sozusagen letztlich auch mit dem Werk Borns messen."

Heinen-Kljajic: "Das finde ich genial"

Lukas Bärfuss ist bereits ein vielfach ausgezeichneter Autor. Die Liste reicht vom Mühlheimer Dramatikerpreis über den Mara-Cassens-Preis für seinen Debütroman "100 Tage" bis zum Schweizer Buchpreis für seinen zweiten Roman "Koala". "Das finde ich genial", sagt Heinen-Kljajic. "Ich habe Lukas Bärfuss vorher selbst schon sozusagen als Privatperson gelesen, fand "Koala" verstörend schön und finde auch seinen Essayband "Stil und Moral" wirklich herausragend. Von daher ein absolut toller Preisträger, den die Jury da ausgesucht hat.

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Für viele eine Entdeckung: Debütpreisträgerin Daniela Krien

Daniela Krien dürfte für die allermeisten eine Entdeckung sein: "Ich hatte bisher noch nichts von ihr gelesen", gibt auch die Ministerin zu", "habe mir aber natürlich sofort, nachdem ich von der Juryentscheidung gehört habe, ihr letztes Werk "Muldental" im Buchhandel besorgt und kann nur sagen: Auch das Buch kann ich nur empfehlen. Man liest es mit großer Begeisterung. Spannende Geschichten um junge Frauen, die nach der Wende sehen müssen, wie sie ihr eigenes Leben neuerfinden. Auch das wirklich eine würdige Preisträgerin."

Debütpreis für Daniela Krien

Gleich zwei Debüts hat Daniela Krien bereits aufzuweisen. Ihr erster Roman erschien 2011 unter dem Titel "Irgendwann werden wir uns alles erzählen". Ihren ersten Erzählband veröffentlichte sie im vergangenen Jahr. Beide Bücher haben die Jahre der Wende im Fokus, Geschichten, in denen die Verluste jener Zeit eine große Rolle einnehmen. Aber Daniela Krien warnt davor, sie darauf zu reduzieren: "Beim ersten Buch hat es mich weniger gestört, weil es ja tatsächlich ein Buch ist, das in einer ganz bestimmten Zeit spielt, nämlich im Sommer 1990. Beim zweiten Buch stört es mich ein wenig, weil ich glaube, dass die Geschichten weitergreifen. Es gibt einige Geschichten darunter, die sich tatsächlich mit Protagonisten, mit Menschen befassen, die man als Wendeverlierer bezeichnen kann, aber das macht am Ende nur die Hälfte der Geschichten aus. Deswegen glaube ich, dass diese Kategorisierung in dem Falle zu kurz greift."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 31.07.2015 | 19:00 Uhr