Stand: 08.01.2016 18:16 Uhr

Neue "Mein Kampf"-Ausgabe schärft den Blick

Rund 70 Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers ist seine Hetzschrift "Mein Kampf" als kritisch kommentierte Ausgabe wieder auf dem Markt. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte will das jahrzehntelang verbotene Buch mit der zweibändigen Edition entmystifizieren. Mit 15.000 Vorbestellungen gilt die erste Auflage bereits als ausverkauft.

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Wolfgang Müller erkennt im Tonfall von "Mein Kampf" erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit.

Nun also ist dieses Buch wieder für jedermann zugänglich. Und das ist auch richtig. Richtig ist auch, es in einer kommentierten Edition auf den Markt zu bringen. Die mag etwas sperrig daherkommen, nicht so herrlich satirisch wie vor einiger Zeit ein Vorschlag der Zeitschrift "Titanic", die einfach hinter jede dritte Zeile "Quatsch" oder "Unsinn" schrieb. Man muss leider auch ideologischen Unsinn ernst nehmen, und das haben die Münchner Forscher getan. "Wir sind eine Art Kampfmittel-Räumdienst", bemerkte der Herausgeber Christian Hartmann.

Geistige Mondlandschaft

Und die Gefahren? Werden jedenfalls bei dieser kommentierten Ausgabe überschaubar bleiben. Für Neonazis wird sie ohnehin kaum interessant sein. Erstens weil sie mit längeren Texten tendenziell überfordert sind, und zweitens weil die Anmerkungen ihren Lesegenuss empfindlich stören werden.

Für alle anderen kann dieses Buch auch eine erhellende Lektüre sein. Fast möchte man dazu raten, wenn, dann mal eine längere Strecke zu lesen und sich dann zu fragen, in welcher Welt man da eigentlich gelandet ist. Es ist eine geistige Mondlandschaft. Gut sind die Volksgenossen, schlecht sind die anderen, und die Juden sind an allem Schuld. Das war es im Wesentlichen.

Wiedererkennbare Denkformen und Reflexe

Aber da ist noch etwas. Immer wieder kann einen beim Lesen eine unheimliche Empfindung beschleichen. Sind nicht einige dieser gedanklichen Muster auch heute noch in manchen Köpfen? Natürlich nur selten in dieser ausdrücklichen, brutalen, nazistischen Art. Aber bestimmte Denkformen und emotionale Reflexe lassen sich doch wiedererkennen, wenn man schaut, wie auch heute wieder im rechtsnationalen Spektrum geredet und gehetzt wird. Dieses ganze Wir und Sie, diese Verachtung der demokratischen Formen, dieses ständige Damit-müsste-man-mal-gründlich-aufräumen, dieser finstere Stolz gegen "das System" zu sein, diese heimliche Freude, wenn die Dinge schlecht laufen - all das ist im psychologischen Kern durchaus mit dem verwandt, was Hitler seinerzeit auf Hunderten Seiten ausgebreitet hat.

Schwierige Themen in allen Facetten ausleuchten

Insofern kann der Blick in dieses schreckliche Buch auch den Blick für die Gegenwart schärfen. Ein Hitler wird nicht wiederkommen. Aber die Versuchung, aus den, nun ja, tatsächlich komplizierten Wirklichkeiten in bestimmte einfache Muster auszuweichen, aggressiv, gefühllos und selbstgerecht - diese Versuchung ist aktuell. Und eines ist klar: Auch Dummheit und Hass können geschichtlich wirksam werden. Dagegen helfen kann nur eine öffentliche Kultur, die ihre schwierigen Themen in allen Facetten ausleuchtet, etwa zurzeit die Flüchtlingsfrage. Da gibt es in der Tat viel zu diskutieren, und das sollten wir tun - nicht ängstlich, nicht naiv, nicht zu politisch korrekt, aber doch, bitteschön, getragen vom Geist der Freiheit und Menschlichkeit und nicht dem der Volksgemeinschaft.

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NDR Info | Kommentare | 08.01.2016 | 17:08 Uhr