Stand: 27.09.2016 14:30 Uhr

Was von der Liebe bleibt

Sozusagen Paris
von Navid Kermani
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Einwanderer in Siegen geboren, schrieb viel beachtete Bücher über die Wege des Islam und die Verwirrungen eines Romanautors.

Wenn er das Wort ergreift - oder den Füllfederhalter zückt - dann liest (oder hört) man genau (hin): Navid Kermani hat in den vergangenen Jahren die Position des öffentlichen Intellektuellen auf erstaunliche Weise vitalisiert, die eines Intellektuellen allerdings, der - im Unterschied zu den Intellektuellen vorangegangener Generationen - auch nicht immer weiß, was jetzt zu tun ist, vielmehr gerade die Unsicherheit, das Zagen und Verzagen eines Denkers zur Sprache bringt. Kermani sprach im Bundestag, wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt und wird immer mal wieder ins Gespräch gebracht, wenn es um die Frage geht, wer denn nächster Bundespräsident werden könnte. Nun aber legt er erst einmal seinen neuen Roman vor: "Sozusagen Paris".

Begegnung mit der ersten großen Liebe

Man hatte sich das ja schon lange gedacht, dass zu den besonders heiklen Momenten im Leben eines Schriftstellers die Signierstunde nach einer Lesung gehören müsste: Ungeschützt ist er einer unübersichtlich sich vor ihm schlängelnden Menge ausgesetzt, in der jeder ihn einmal anfassen, jeder einmal das Wort an ihn richten, jeder ihn einmal mit seinem Privatproblem behelligen möchte; und dann das …

"Aber nicht für Jutta.
Ich schaue zu der Frau hoch, die mir das Buch zum Signieren auf den Tisch gelegt hat, Anfang, Mitte Vierzig, taxiere ich sie, ihr Blick von mildem, beinahe schon geschwisterlichem Spott, seltsam vertraut.
Wie bitte?
Schreib bloß nicht für Jutta, bekräftigt die Frau.
Später wird sie meine Verwirrung verspotten und werde ich mich für meine Blödheit entschuldigen; sie wird unsere Liebe herunterspielen, aber ich werde daran festhalten, mich dreißig Jahre lang nach ihr gesehnt und deshalb mehr als nur einen Brief, nämlich ein ganzes Buch geschrieben zu haben." Leseprobe

Dieses Buch erzählte - tatsächlich wie auch in der hier literarisierten Wirklichkeit - von der umwerfenden, in ihrem Gefühlsrausch durch nichts zu überbietenden und auch von keinerlei ironischem Beiwerk kleinzuredenden ersten Liebe im Leben eines Jungen, auf die der Erzähler, inzwischen Mitte 40, zurückblickt, immer noch wie vor einem Weltwunder stehend. Darum hieß der Roman "Große Liebe".

Weitere Informationen

"Sozusagen Paris"

28.09.2016 13:00 Uhr
NDR Kultur

Navid Kermani ist vieles: Orientalist, Publizist, Schriftsteller, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels und Romanschreiber. "Sozusagen Paris" heißt seine neueste Liebesgeschichte. mehr

"Sobald man etwas älter ist, relativiert man", sagt Kermani. "Man weiß ja, man hatte vorher schon eine Freundin, man weiß irgendwie im Hinterkopf, man hat danach auch noch eine Freundin. All die ganzen erwachsenen Relativierungsmechanismen setzen dann ein, und diese jugendliche Liebe, wenn man das Glück hat, sie wirklich groß zu erleben - einfach dadurch, dass das so neu ist, ist das riesig!"

Wiedersehen mit der "Schönsten" des Schulhofs

Nun, dreißig Jahre später, am Ende einer Lesung in irgendeiner Provinzstadt, steht die "Schönste" des Schulhofs vor ihm, die er einmal - selbstverständlich verfremdend, wie er betont - "Jutta" genannt hat. "Nicht Jutta" sollte dieser neue Roman - "der Roman, den ich schreiben werde", wie der Erzähler im Roman immerzu vor sich hinmurmelt - ursprünglich heißen; aber "Sozusagen Paris", das ist auch eine glückliche Wahl, die Kermanis andeutungs- und assoziationsreicher Erzählweise sehr hübsch entspricht, einer Erzählweise, die Bilder erzeugt und Rätsel.

"Dass ich es bin, der einem Klischee aufsitzt, nicht sie, wird mir erst auffallen, wenn ich den Roman schreibe, den der Leser in Händen hält: das der Provinzialin, deren Leben äußerlich unbewegt zwischen ihren vier Pfählen dahinläuft, neben einem vielbeschäftigten Mann und mit zwei tadellos erzogenen Kindern, doch ihr Herz bebt vor ungestillter, quälender Sehnsucht. 'Immer dachte sie an Paris', heißt es dann bei Guy de Maupassant. Die Konstellation ist geradezu klassisch in der französischen Literatur, der Großstadtdichter und die Gattin irgendeines Notars in der Provinz. Für Jutta bin ich sozusagen Paris! polstere ich mir die Wirklichkeit mit weichem Plüsch aus, während der Kulturdezernent die Fahrtkosten in das Abrechnungsformular einträgt." Leseprobe

Ja, er könnte einem arrogant und streberhaft vorkommen, dieser Erzähler, der sich schon ausmalt, wie nun unweigerlich alles kommen wird: ein bisschen Wein und ab ins Hotel, wo dann das, was vor dreißig Jahren schon nach einer Woche abrupt endete, zumindest für eine Nacht fortgesetzt wird. Da aber ist die Kleinstadt stärker als sozusagen Paris, Jutta oder wie immer sie heißt, Ärztin, Bürgermeisterin und Tantralehrerin, wie sich nach und nach herausstellt, nimmt den Dichter stattdessen mit zu sich nach Hause und es beginnt ein stundenlanges Gerede: Wer bist du, was tust du, wie denkst du über die Liebe? Oben im Schlafzimmer muss Juttas Mann liegen, aber er zeigt sich nicht, oder doch?

Die Sehnsucht nach Liebe

Sie hat sich mal wieder ordentlich mit ihm gezofft und will wissen, was nach 20 Jahren noch von der Liebe bleibt. Den Dichter interessiert mehr, was nach 30 Jahren noch bleibt. Zum wichtigsten Möbel in der Kulisse wird Juttas Bücherregal. Da stehen all die französischen Klassiker: Stendhal, Balzac, Proust vor allem, die, wie es scheint, mehr über die Liebe wissen als jeder sonst. Aber der Erzähler unterbricht sich selbst immer wieder in seinen gelehrsamen Überlegungen, kommt in seinem Zweifel und seiner Unsicherheit dem Leser ganz nah, auch in seinen Gedankensprüngen und seinem aufwallenden Zorn, der vor allem seinen Lektor zum Ziel hat.

"Ich werde zum Beispiel den Geruch erwähnen können, der mir aus dem Munde des Lektors entgegentritt, während er mich zur Schnecke macht, ja, werde ihn einfach mal brutal in die Öffentlichkeit zerren, wirken Lektoren doch bevorzugt im Verborgenen und tragen ihre Bescheidenheit wie einen Pokal vor sich her, damit der Leser sie sich als treue Diener vorstellt, als wandelnde Bibliotheken und magere Asketen, die nur für die Literatur leben, aber das ist mein Lektor nicht, das ist er ganz und gar nicht, nein, kann überhaupt nicht wandeln mit seinen 150 Kilogramm."

Der Autor hasst und liebt und sehnt sich nach Liebe: Die des Lesers soll er bekommen für diesen inspirierenden, merkwürdigen Roman voller hinreißender Makel: "98 Kilogramm, wird der Lektor rot am Rand vermerken und dick die Zahl 150 durchstreichen."

Sozusagen Paris

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25276-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.09.2016 | 12:40 Uhr

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