Stand: 10.08.2017 14:42 Uhr

Eine monumentale Familiengeschichte

Die unerhörte Geschichte meiner Familie
von Miljenko  Jergović, Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert
Vorgestellt von Jan Ehlert
Bild vergrößern
Autor Miljenko Jergović, Jahrgang 1966, in Sarajevo geboren, arbeitet auch als Kolummnist und wurde vielfach ausgezeichnet.

Gleich drei Länder stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Literatursommers in Schleswig-Holstein: Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Seit Mitte Juli präsentiert das Kieler Literaturhaus im ganzen Bundesland bereits Lesungen von Autorinnen und Autoren wie Barbi Marković oder Dževad Karahasan. Nun aber kommt der - man kann es ruhig so sagen: Superstar der Literatur des ehemaligen Jugoslawien nach Schleswig-Holstein: Miljenko Jergović, der bereits 1995 den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück erhielt, für sein Schreiben über die Völkergrenzen hinweg nun kommt sein neuster Roman heraus: "Die unerhörte Geschichte meiner Familie" vor.

Es beginnt wie ein klassischer Familienroman: "Vater, zwei Onkel und ich haben das selbe Sarajever Gymnasium besucht" schreibt Miljenko Jergović.

Jenseits einer "ordentlichen" Familiengeschichte

Doch wer jetzt eine chronologisch erzählte Geschichte über mehrere Generationen erwartet, der täuscht sich gewaltig. "Ich habe zu Beginn meines Romans versucht, eine ordentliche Familienbiografie vorzugaukeln, und zwar genau mit diesem Einstieg. Aber es gibt wie im echten Leben keine ideale Familie, in der alles ordentlich verläuft. Familiengeschichten sind immer unübersichtlich. Und genau diese Unordnung wollte ich nacherzählen. Ich wollte unterschiedliche Genres und Erzählformen verbinden, aber ohne die Gesamtheit des Romans aus dem Blick zu verlieren.", so Miljenko Jergović.

Und so findet man Märchen neben fast schon lexikalischen Ortsbeschreibungen, Reportagen neben kurzen biographischen Skizzen.

Großtante Dragnev - die Familienlegende

Jedes der kaum zählbaren Familienmitglieder, so scheint es, hat seine ganz eigene Sprache bekommen. Am Anfang dieser Erzählung steht dabei eine Legende: Jene von einer Großtante Jergovićs, die im Zweiten Weltkrieg spurlos verschwand.

"Jede Familie hat ihre Legende. Meistens geht es um ein Familienmitglied, das verschwindet und sich nie wieder meldet. Und unsere Legende ist die von Regina Dragnev - obwohl wir uns denken können, was mit ihr passiert ist. Sie war ja Deutsche, aus dem rumänischen Teil des Banat, und dann kam die Befreiung des Landes durch die Kommunisten. Und dennoch hat meine Familie in den darauffolgenden zehn, zwanzig Jahren versucht, ihr Schicksal aufzuklären.", so Jergović.

Fakten und Fiktion vermischen sich, wie in allen guten Legenden - und das nicht nur bei Regina Dragnev. Da ist jene von Cousin Zeljko, der zur Luftwaffe ging, um sein Land zu beschützen, und schließlich die Stadt bombardieren muss, in der seine eigene Familie lebt.

Karlo, der heldenhafte Urgroßvater

Da ist Karlo, der Urgroßvater, ein nationalbewusster Deutscher, der heimlich seine serbischen Nachbarn - bis zu 50 Personen - vor den faschistischen Suchtrupps versteckt und später aus Dankbarkeit von den Serben gerettet wird. Oder Michail Fleginski, der Brieffreund des Großvaters, der sich nach dem Krieg plötzlich in einem fremden Land wiederfand - und sich erst Jahrzehnte später wieder meldete. Dreh- und Angelpunkt ist jedoch Jergovićs Mutter. In einem tief anrührenden Essay, der sich etwa in der Mitte des mehr als 1.000 Seiten dicken Romans befindet, beschreibt Jergović ihre letzten Tage. Ihr Sterben.

"Das ist eine ganz wichtige Stelle in meinem Buch. Meine Mutter hatte keinen leichten Tod. Und in diesen Momenten, in denen sie angefangen hat, über ihre Kindheit und ihre eigene Familie zu reden, fühlte sie sich tatsächlich ein bisschen besser. Denn nur dieses Erzählen hat es ihr ermöglicht, vor der Wirklichkeit, die sie umgeben hat, zu flüchten. Vor der Wirklichkeit des Sterbens," beschreibt der Autor. Manchmal lässt sich die Wirklichkeit eben nur ertragen, wenn man sie erzählt. Das gilt auch für diesen großen, großartigen Roman, in dem sich alle Kriegskatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts widerspiegeln, über alle ethnischen und nationalen Grenzen hinweg. Zeitgeschichte, garniert mit herrlich skurrilen, komischen und tragischen Figuren, die einem auch lange nach der Lektüre im Gedächtnis bleiben, und das in einer sprachlichen und stilistischen Vielfalt, die ihresgleichen sucht: Dieser Roman ist tatsächlich etwas, was man nur selten findet: ein Meisterwerk.

Lesungen mit Miljenko Jergović:
13. August in Lütjenburg:
14. August in Kiel
15. August in Eutin
16. August in Neumünster:
18. August in Apenrade:

Die unerhörte Geschichte meiner Familie

von
Seitenzahl:
1144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling & Co. Verlag
Bestellnummer:
978-3-89561-396-8
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.08.2017 | 12:40 Uhr

05:07
04:34

Sabine Peters: "Alles Verwandte"

10.08.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:30
04:21

Simone Buchholz: "Beton Rouge"

07.08.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

03:03

Spezialeffekte: Ein Feuerteufel bei der Arbeit

19.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
03:52

Filmfest Osnabrück: Kino abseits des Mainstreams

19.10.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
02:35

Thomas Quasthoff wärmt seine Jazz-Liebe auf

19.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal