Stand: 13.11.2017 11:30 Uhr

Ukrainisches Double für die tote Mutter

Lubetkins Erbe oder Von einem, der nicht auszog
von Marina Lewycka, aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
Bild vergrößern
Marina Lewycka gilt als eine der wichtigsten und populärsten englischen Autorinnen der Gegenwart.

Marina Lewycka wurde 1946 in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren. Ihre aus der Ukraine stammenden Eltern gingen nach England, wo sie aufwuchs. Viele Leser - nicht nur in Deutschland - waren hingerissen von ihrem Roman "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch". Seitdem sind noch weitere Romane gefolgt. Jetzt gerade ist erschienen: "Lubetkins Erbe oder von einem, der nicht auszog".

Ein letzter Auftrag an den Sohn

Die Geschichte geht so: Berthold Sidebottom, ein arbeitsloser Schauspieler, etwas über fünfzig Jahre alt, lebt nach einer gescheiterten Ehe wieder in der Wohnung der Mutter. Es ist eine subventionierte Sozialwohnung in einer Wohnanlage, die ein berühmter Architekt namens Berthold Lubetkin entworfen hat, dessen künstlerisches Konzept offenbar war, dass Menschen schön wohnen sollen und zwar so, dass sie nicht unentwegt versuchen, sich gegenseitig nach dem Leben zu trachten vor lauter Tristesse. Bertholds Mutter hat ihren Sohn vor lauter Begeisterung nach dem Architekten genannt. Sie hat dem Sohn eingeschärft:

"Lass nicht zu, dass sie die Wohnung kriegen, Bertie!" ächzte meine Mutter, als man sie auf der Bahre wegtrug, und klammerte sich an meine Hand wie an ihr Leben. Ich wurde die schreckliche Szene nicht los, als ich in einem Nebel aus Trauer, Schuldgefühlen und süßem ... Sherry grübelte, was ich übersehen haben könnte.

Ein kühner Plan wächst heran

Berthold versucht, Herr der Lage zu bleiben. Im Krankenhaus bleiben seiner Mutter nur noch wenige Tage, sie liegt zusammen in einem Zimmer mit Inna, einer alten Dame aus der Ukraine. Nach dem Tod seiner Mutter ist dem Sohn klar, dass er ohne sie die schöne Wohnung nicht wird behalten können. Zusammen mit dem Papagei der Mutter, der Flossie heißt, denkt er nach:

"Gott ist tot!", kreischte Flossie. "Halt den Schnabel, Flossie ... Ich muss nachdenken." Worüber ich nachdachte ..., war, dass alle alten Damen einander im Grunde sehr ähnlich waren, oder? Wenn in Mums Rolle eine Zweitbesetzung auftauchte, wer würde den Unterschied bemerken? Leseprobe

Sprachprobleme machen die Sache schwierig

Inna wird eingeweiht und ist entzückt, über ein solches Abenteuer auf ihre alten Tage. Sie zieht an Stelle der Mutter ein. Schwierig gestalten sich nun sprachliche Probleme, denn Inna spricht mit stark ukrainischem Akzent und berichtet Berthold von gefährlichen Begegnungen - möglicherweise mit Kontrolleuren vom Amt? Der Budenzauber könnte bald auffliegen:

Ja, sehr nette Frau, hat sie mir gesagt, ihr Mann war Bischof. Aber tot. Ich sage, warum Bischof wohnt in Sozialbauwohnung? Inna rümpft die Nase. Sie sagt, er kommt aus Ost-London und hat alles Geld bei Pokie verloren. Ich hab gesagt, mein Mann kommt aus Ost-Ukraine und hat alles Gold bei Smokie verloren. ..Männer immer gut in Geldverlieren. Leseprobe

Verliebt in die Nachbarinnen

Unterdessen lernen wir etliche Nachbarn kennen, zum Beispiel Violet, die gerade nebenan eingezogen ist. Eine Erfolgsfrau, die aus Kenia stammt.

Das schöne schwarze Mädchen ... Ich sah wie sie in den Fahrstuhl stieg und anmutig hinter den Türen stand... wie eine Göttin, die ins Elysium aufstieg.  Leseprobe

Berthold ist schwer verliebt in Violet, aber später auch in eine andere Frau aus der Nachbarschaft und so häuft sich in dieser Irrung Verwirrrung auf Verwirrung.

Der neue Roman von Marina Lewycka ist liebenswürdig, aber doch von einer Harmlosigkeit, die schon mühsam ist. Selbst die tragischen, realitätsnahen Aspekte dieser Geschichte kommen etwas schlicht und plump um die Ecke und sagen alle: Holla Witz, hier bin ich. Wenn man als Leser in bester Laune ist, für ein paar Stunden zu flüchten, sich unterhalten und ablenken zu lassen, mag es fabelhaft gehen. Aber man müsste die Freude am Amüsement schon mitbringen.

Lubetkins Erbe oder Von einem, der nicht auszog

von
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-423-26160-9
Preis:
16,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.11.2017 | 12:40 Uhr

04:31

Gerhard Richter - Über Malen

19.11.2017 17:40 Uhr
NDR Kultur
04:46
04:11
03:42

Juli Zeh: "Leere Herzen"

13.11.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

00:59

Hakenkreuz auf Sportplatz-Gelände zerschlagen

24.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
01:28

Werke von Hans Fuglsang in Flensburg

24.11.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin