Stand: 27.07.2017 13:35 Uhr

Das ganz normale Chaos

Ein Buch wie eine Achterbahnfahrt: schnell, erschütternd, lustig. Mareike Krügel fackelt nicht lange. einsteigen, anschnallen, losfahren bitte. In ihrem vierten Roman "Sieh mich an" beschreibt die 1977 in Kiel geborene Schriftstellerin einen Tag im Leben ihrer Protagonistin Katharina. Während sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor Katharina entrollt, erweist sich die Autorin als eine Art Afrikaforscherin des Alltäglichen, der Liebe und des Familienlebens.

Die Protagonistin Ihres neuen Romans wohnt in einem Haus an der Ostsee, ist Musikwissenschaftlerin, hat zwei Kinder und führt eine Wochenendehe mit dem temperamentvollen Architekten Costas, der in Berlin arbeitet. Im Buch erleben wir nun einen Tag im Leben von Katharina, an dem wahnsinnig viel passiert. Das zentrale Thema wird ganz früh gesetzt: Katharina hat vermutlich Brustkrebs, auch wenn das Wort im Roman kein einziges Mal fällt.

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Die Autorin Mareike Krügel wurde 1977 in Kiel geboren und wohnt heute in der Nähe von Schleswig.

Mareike Krügel: Das weiß ich gar nicht, ist das so? Ich habe auf jeden Fall mit Bedacht dafür gesorgt, dass Katharina selbst dem Ganzen keinen Namen gibt, der eine Diagnose voraussetzt. Aber da Katharinas eigene Mutter an Brustkrebs gestorben ist, habe ich das Wort Krebs schon erwähnt. Dieses ganz Konkrete und Zusammengefügte: Das kann sein, dass ich das bewusst vermieden habe. Katharina vermeidet natürlich auch bewusst das Darüber-Nachdenken. Sie versucht, auszuweichen.

Vielleicht kann man auch ausweichen: Das ist nämlich etwas, was Sie offenlassen. Es könnte etwas ganz anderes sein.

Krügel: Genau. Es ist auch so, dass sie das Schicksal ihrer Mutter auch dann nicht teilen muss, wenn sie wirklich Brustkrebs hat. Es kann sein, dass er früh genug entdeckt wird und ganz anders verläuft. Ihre Mutter ist vor über 20 Jahren gestorben. Die Medizin hat sich seitdem verändert. Also: Es ist überhaupt nicht klar, was das eigentlich ist. Es reicht, dass sie Befürchtungen hat. Aufgrund ihrer Biografie sind die Befürchtungen eben viel konkreter als bei anderen Leuten, die diese Krankheit nicht beobachtet und erlebt haben.

Was war für Sie der Ausgangspunkt beim Schreiben?

Krügel: Es ist schon lange her, dass ich diesen Roman angefangen habe. Ich kann mich daher nicht mehr an die ersten konkreten Ideen erinnern. Ich weiß, dass ich mich eine lange Zeit sehr damit beschäftigt habe, dass wir Menschen so stark miteinander verknüpft und vernetzt sind. Das hat mich wirklich umgetrieben, dass ich als Mensch Spuren hinterlasse bei den anderen. Ich kann nicht so tun, als wäre das nicht so. Ich kann nicht einfach weggehen. Das schadet anderen, das betrifft sie. Um diese Idee herum kam dann die Konstruktion: Wenn eine wirklich zentrale Person in einer Familie, nämlich die Mutter, herausgenommen würde - was passiert, wie fühlt es sich an, dass diese Möglichkeit besteht? Ich wollte jedoch kein Krebsbuch schreiben, sondern ein Familienbuch.

Mit der Arbeit an dem Buch haben Sie nach der Geburt Ihrer Kinder angefangen. Hängt das miteinander zusammen?

Krügel: Ja, natürlich. Ich habe immer zu meinem Mann gesagt: Wir müssen schon deswegen Kinder kriegen, damit wir wissen, worüber wir da eigentlich erzählen. Wenn wir über Sachen schreiben wollen, die die Leser auch betreffen, dann ist Kinderkriegen schon eine wichtige Erfahrung. Tatsächlich hat es viel angestoßen: viele neue Gedanken, viele neue Ängste, die ich vorher so nicht hatte. Über Ängste zu schreiben, ist immer eine gute Idee und wenn man Kinder hat, bekommt man wirklich ganz frische Ängste.

Die Protagonistin Ihres Buches lebt oft in der Musik. Das geht sogar so weit, dass sie beim Schumann-Hören im Auto die Augen schließt, was dann natürlich gewisse Kollateralschäden hervorruft. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Heldin zu entwickeln, für die Musik so wichtig ist?

Buchtipp

NDR Buch des Monats: "Sieh mich an"

"Sieh mich an" von Mareike Krügel ist ein lebenskluger, warmherziger Roman, kein Krebsbuch, sondern ein Familienbuch, dabei wild bewegt und temporeich. Und damit das NDR Buch des Monats August. mehr

Krügel: Das hat damit zu tun, dass ich für mich diese Musikwelt irgendwie besetzen musste. Ich komme aus einer Familie, wo früher den ganzen Tag NDR 3 lief. Meine Brüder sind beide Musiker geworden. Der eine konnte immer schon nach den ersten zwei, drei Akkorden sagen, welches Stück da lief - mit Werkverzeichnis, Opus und so weiter. Das war so eine Art Sport in der Familie. Ich habe mich da ausgeklinkt. Ich kann mir die Melodien nicht merken, auch nicht die Opuszahlen. Ich erkenne noch nicht einmal, welche Epoche es ist. Das hat mich aber nie verlassen. Wenn man damit aufgewachsen ist, spielt Musik einfach eine große Rolle. Ich habe immer ein bisschen darunter gelitten, dass ich das nicht für mich allein erobern konnte.

Bei der Arbeit am Roman hat es mir dann Spaß gemacht, mich wieder in diese Welt zu begeben. Ich bin jetzt mehr von Musik umgeben als vorher, weil ich sie einfach sehr viel lockerer, fröhlicher und unbeschwerter hereingelassen habe. Ich habe sogar eine Playlist auf meinem Computer die "Katharinas Musik" heißt. Die ist beim Schreiben natürlich rauf- und runtergelaufen. Ich habe einfach viel Musik gehört, auch Jazz, um die Atmosphäre des Romans für mich erlebbar zu machen.

Das Gespräch führte Katja Weise.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 31.07.2017 | 13:00 Uhr

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