Stand: 04.09.2017 16:38 Uhr

Manal al-Sharif: "Losfahren" statt Schweigen

Losfahren
von Manal al-Sharif
Vorgestellt von Andreas Lueg

11. Juni 2011, Khobar in Saudi-Arabien. Eine junge Frau tut das Unerhörte. Sie setzt sich ans Steuer ihres Autos und fährt los. Eine Freundin filmt die Aktion mit dem Smartphone. Die beiden sind nervös: Nach den Regeln dürfte nur ein männlicher Vormund, "Schutzengel" genannt, sie chauffieren. Wie angsteinflößend stattdessen, und wie erregend, was sie tut. Die Entscheidung, loszufahren, sei nicht über Nacht gekommen, erzählt Manal al-Sharif. "Sie war das Ergebnis jahrelanger Fragen. Des Infragestellens der Regeln, die uns Frauen in Saudi-Arabien gängeln."

Manal al-Sharif

Losfahren statt Schweigen

Bücherjournal -

Manal al-Sharif kam in Untersuchungshaft und erhielt Morddrohungen, weil sie in Saudi-Arabien Auto fuhr. In ihrem Buch "Losfahren" erzählt sie von ihrem Einsatz für Frauenrechte.

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Rigide Religionspolizei

Saudi-Arabien ist ein Land, in dem Geld und Öl fließen und eine rigide Religionspolizei das gesamte öffentliche Leben überwacht. Wo im Auto bislang immer die Männer am Steuer sitzen und die Frauen auf dem Rücksitz, wo die Frauen -  unter der vorgeschrieben Verhüllung von Gesicht und Körper - allenfalls frei zum Shoppen sind. "Saudi-Arabien - bei uns heißt es das 'Land mit einem König und Millionen von Königinnen'', erzählt Manal al-Sharif. "Eine Königin wird geschützt und bedient. Deshalb darfst du als Frau nicht Auto fahren und Männer treffen für dich alle Entscheidungen. Ich darf nicht mit einem Mann spazieren gehen, Ingenieurin werden oder Fahrrad fahren. Ich habe mich oft gefragt: Warum hat Gott mich zur Frau gemacht? Ich will ein Mann sein."

Repressionen überall

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Manal al-Sharif setzt sich für die Rechte von Frauen in Saudi-Arabien ein.

Manal wächst auf mit Geschwistern und frei denkenden Eltern. Ein Glück, das in Saudi-Arabien nicht allen zuteilwird. Sie studiert in den USA, macht den Führerschein und findet danach in Saudi-Arabien einen Job. Beim Öl-Riesen Aramco darf sie sogar Gesicht zeigen. Umso unerträglicher wird für sie der Alltag im von Religion, männlichen Ehrvorstellungen, von Doppelmoral und Angst kontrollierten Land. "In einer repressiven Gesellschaft sorgen viele dafür, dass du den Mund hältst", sagt sie. "Die Regierung, deine Mutter, dein Vater. Die Kollegen am Arbeitsplatz - sie reden nicht mit dir, aus Angst vor Ärger. Mein ganzes Leben lang hat meine eigene Gesellschaft versucht, mich zum Schweigen zu bringen."

Buch über den Einsatz für Frauenrechte

Darüber, was auf ihren verwegenen Trip folgte, hat Manal Al-Sharif ein Buch geschrieben: In "Losfahren" erzählt sie von ihren Erfahrungen und ihrem Einsatz für Frauenrechte. Das Youtube-Video über ihre Aktion wird damals sofort tausendfach angeklickt, sie selbst landet in Untersuchungshaft. Nach Morddrohungen muss sie Saudi-Arabien verlassen und - weil auch ihre Ehe geschieden wird - den gemeinsamen Sohn Aboudi zurücklassen. Einem westlichen Publikum berichtet sie von der Situation der Frauen in ihrer Heimat. Viele, auch der Dalai Lama, wollen hören, was Manal zu sagen hat. Und sie bekommt einen Preis für "kreativen Widerspruch" - mit der Kampagne "Frauen ans Steuer, Männer auf die Kamele." Dabei finden - wie es aussieht - auch unter ihnen ein paar die neue Frauenpower am Steuer gut. "Bei meiner Tour habe ich immer Augenkontakt mit männlichen Fahrern gesucht", erzählt Manal al-Sharif. "Ich erinnere mich genau an einen, es war an einer Ampel. Er sah zurück - und lächelte. Ich war erleichtert. Und tatsächlich hat niemand mich angehalten. Nicht Menschen haben mich gestoppt, es war die Regierung."

Doppelmoral im Westen

Der Westen würde den Menschenrechten im Land König Abdullahs gern mehr Respekt verschaffen, wären da nicht diese lukrativen Geschäfte - die Doppelmoral. "Euch Europäern rate ich: Schickt wenigstens nur noch Frauen als Botschafter nach Saudi-Arabien, damit würdet ihr mächtig Druck machen", sagt Manal al-Sharif. Für die Rechte der Frauen tritt sie weltweit auf, zum Beispiel in Oslo während des "Freedom Forums". Es geht ihr darum, Frauen zu ihrem Recht zu verhelfen. "Es geht immer ums Geld. Und es geht nicht, die Hälfte der saudischen Gesellschaft aus religiösen Gründen zu Hause einzusperren. So sind sie auch ökonomisch nichts wert. Diesen Luxus können sich die Machthaber nicht mehr leisten. Wenn Frauen auf den Rücksitz verbannt bleiben, ist Saudi-Arabien ruckzuck bankrott."

Ein Signal gesetzt - und viele folgen

Manal Al-Sharif lebt jetzt in Sydney, mit ihrem zweiten, brasilianischen Mann und Sohn Rafael.  Doch Aboudi, den in Saudi-Arabien zurückgelassenen Erstgeborenen, darf sie nur gelegentlich besuchen. "Als ich wieder heiratete, wurde diese Ehe in Saudi-Arabien nicht anerkannt", sagt sie. "Würde sie es endlich,  wäre ich morgen zurück in meinem Land. Wie könnte ich wollen, dass meine zwei Söhne an verschiedenen Orten, in zwei Ländern aufwachsen?" Frauen am Lenkrad des eigenen Lebens - das ist das Motto ihrer Kampagne. Manal Al-Sharif hat ein Signal gesetzt, einen Anfang gemacht. Inzwischen folgen ihr viele.

Losfahren

von
Seitenzahl:
379 Seiten
Genre:
Autobiografische Erzählung
Verlag:
Secession
Bestellnummer:
978-3-906910-10-9
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 06.09.2017 | 00:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Manal-al-Sharifs-Buch-Losfahren,losfahren110.html

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