Stand: 22.02.2016 18:54 Uhr

Lynsey Addario schaut dem Krieg ins Gesicht

Jeder Moment ist Ewigkeit. Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt
von Lynsey Addario
Vorgestellt von Maryam Bonakdar
Bild vergrößern
Riskiert ihr Leben, um der Welt Einblicke in die Krisengebiete zu geben: Fotojournalistin Lynsey Addario.

Ihre Arbeit in den Kriegs- und Krisenregionen der Welt bringt sie häufig in Lebensgefahr. Die Kriegsfotografin und Pulitzer-Preisträgerin Lynsey Addario war unter anderem in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien. Sie schaut dem Krieg und seinen Folgen unmittelbar ins Gesicht, will das Leid der Menschen dokumentieren. Jetzt hat Addario ihre Autobiografie veröffentlicht: "Jeder Moment ist Ewigkeit. Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt". Ein spannendes Buch mit neuen Einblicken in die Welt der Kriegsberichterstatter, eine Männerdomäne, in der sie als Frau sich erst einmal durchsetzen musste.

Aber Addario schreibt auch über Schuldgefühle, wenn sie mit ansehen muss, wie Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe getötet werden. Und über die Schwierigkeiten, sich im manchmal banalen Alltag in der sicheren Heimat zurechtzufinden. "Es geht mir weniger um den Krieg als um seine zivilen Opfer", beschreibt sie ihre Motivation. "Was machen Kriege, humanitäre Katastrophen und Menschenrechtsverletzungen mit Frauen, Kindern und Zivilisten? Das sind wichtige Themen für mich, über die man berichten muss."

Und das tut häufig einfach nur weh: "Ich hatte von dieser Frau gehört, die jahrelang gefangen war und wiederholt vergewaltigt wurde. Ihre beiden Kinder wurden bei Vergewaltigungen gezeugt. Ich wollte sie und ihre Kinder porträtieren, weil sie trotz allem so zärtlich mit ihnen umging. Mir war es wichtig, sie zu würdigen, ihre Stärke, ihre Widerstandsfähigkeit und sie als Frau."

Kriegsfotografie - eine Männerdomäne

Als Kriegsfotografin bewegt sich Lynsey Addario häufig in sehr konservativen Gesellschaften, wo es nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau als Journalistin arbeitet. Sie muss sich Respekt verschaffen. Und auch mal in die Trickkiste greifen - zum Beispiel bei Treffen mit sehr religiösen Taliban: "Der Kommandant der Taliban sagte zu meinem Kollegen: 'Du bist morgen eingeladen. Aber du darfst keine Frau mitbringen.' Mist, dachten wir. Dann hatte unser Übersetzer eine Idee: 'Tut so, als ob Ihr verheiratet wärt. Kein Taliban würde seine Frau allein in einem Dorf lassen.' So machten wir's. Mein Kollege fragte: 'Meine Frau hat eine Kamera. Dürfte sie ein paar Fotos machen?' Und sie sagten ja."

Leben im Krisengebiet

Addario: "Ich bin nicht furchtlos"

Lynsey Addario verklärt nichts. Sie musste mit ansehen, wie Kollegen und Helfer direkt neben ihr getötet wurden. In ihrem Buch schreibt sie offen über Zweifel und Ängste. "Ich bin nicht furchtlos", sagt sie. "Ich habe viele Ängste, jedes einzelne Mal, wenn ich einen Auftrag mache. Noch viel mehr, seitdem ich ein Kind habe. Ich muss einfach lebend nach Hause kommen." Mehrfach schon wäre das beinahe schiefgegangen. Lynsey Addario wurde zweimal entführt - einmal im Irak, einmal in Libyen. Über eine Woche lebte die Fotografin in Vergewaltigungs- und Todesangst. Eine traumatische Erfahrung.

"Ich rief nach meiner Befreiung meinen Vater an, und er brachte kein Wort raus", erinnert sie sich. "Zu wissen, dass ich ihm so viel Leid zugefügt habe, war furchtbar, weil es überhaupt nicht meine Absicht ist, jemanden zu verletzen. Das Problem ist: Ich lebe oft in einer Blase. Ich drehe mich um meinen Job; meine Motive, meine Aufträge nehmen mich sehr ein. Wenn mir etwas passiert, dann vergesse ich, dass es nicht nur um mich geht, sondern auch um meine Familie. Weil sie sich große Sorgen macht und nicht weiß, was in so einem Moment mit mir passiert."

Lynsey Addario glaubt an die Macht der Bilder

Aufhören kam für sie trotzdem nie infrage - ihre Familie unterstützt sie weiter. Für Außenstehende ist das nur schwer nachvollziehbar. Aber Lynsey Addario glaubt an die Macht der Bilder. Sie sieht es als Chance und Privileg, Menschen mit ihren Fotos aus den Krisenregionen der Welt zum Nachdenken, und besser noch, zum Handeln zu bringen. "Ich lasse manchmal Menschen zurück, die vielleicht nicht überleben werden. Wenn ich gehe, habe ich nur eine Momentaufnahme ihres Lebens gesehen - und wahrscheinlich wird ihre Lage noch schlechter werden. Ich kann da nur hoffen, dass meine Arbeit ihre Situation verbessert, dass meine Arbeit ihnen irgendwie helfen kann."

Damit wir erfahren, was in der Welt los ist, riskiert diese Frau ihr Leben. In ihrem Buch "Jeder Moment ist Ewigkeit" beschreibt sie Dinge, die wir uns sonst nicht mal im Ansatz vorstellen können.

Jeder Moment ist Ewigkeit. Als Fotojournalistin in den Krisengebieten der Welt

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Autobiografie
Verlag:
Econ (12.02.2016)
Bestellnummer:
978-3-430202121
Preis:
25 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 22.02.2016 | 22:45 Uhr

Kulturjournal Newsletter

Kulturjournal

Sie möchten vorab wissen, welche Themen Julia Westlake in der kommenden Sendung präsentiert? Mit dem Kulturjournal Newsletter bleiben Sie immer auf dem neuesten Stand. mehr