Stand: 01.03.2017 10:00 Uhr

Kleine Kulturgeschichte der Perücke

Die Perücke
von Luigi Amara, aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Das Buch-Cover zeigt ein Porträt des Tennispielers Andre Agassi, der zu Beginn seiner Karriere gern mit Perücke auftrat.

Als Kind beobachtete Luigi Amara verwundert seine Mutter, weil die Perücken trug. Wie konnten Menschen sich etwas auf den Kopf setzen, das wie ein Tier aussieht, das auf der Lauer liegt, und dabei auch noch glauben, sie sähen damit besser aus? Das fragte er sich damals das Kind. Seitdem ist die Perücke dem Mexikaner, der heute als Schriftsteller und Verleger arbeitet, nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Das Ergebnis dieses langen Nachdenkens liegt nun als Sachbuch vor: "Die Perücke".

Ein prägendes Kindheitserlebnis

"Müsste ich einen Gegenstand auswählen, der den Sinn des irdischen Daseins verbildlicht, eine Postkarte an die Marsmenschen über unsere hartnäckigsten Obsessionen, würde ich die Perücke nehmen", schreibt Luigi Amara im Vorwort zu seinem Buch "Die Perücke" und kündigt eine "Geschichte der Welt anhand der Perücke" an. Da denkt man: Jetzt folgt unterhaltsamer Quatsch, gewissermaßen eine sophistische Argumentations- und Stilübung nach Art der Antike, ein euphorisches Lob auf etwas eigentlich nicht zu Lobendes.

Aber je weiter man in diesem erstaunlichen, brillant von Peter Kultzen aus dem Spanischen übersetzten Essay vorankommt, wird einem klar, dass das alles weit über intelligente Unterhaltung hinausgeht und, allem Augenzwinkern des Autors zum Trotz, nicht nur unseren Blick auf die Perücke, sondern tatsächlich auch ein wenig auf die Welt verändert. Das gilt selbst für die komischsten Anekdoten. Wie die von Andre Agassi, der eine wilde Perücke trug, die sich allerdings am Abend vor seinem ersten Grand-Slam-Finale, 1990 bei den French Open, beim Kontakt mit einer ungeeigneten Pflegespülung in seine Bestandteile auflöste.

"Auch mit noch so vielen Haarklammern ließ sich der Schaden nicht beheben, weshalb am nächsten Tag vor dem inneren Auge Agassis, der das übliche Haarband und darüber die behelfsmäßig mit Stecknadeln fixierte falsche Mähne trägt, statt der Szene, in der er als neuer Champion den Pokal in die Höhe stemmt, immer wieder derselbe Horrorfilm abläuft: Nach einer schwierigen Rückgabe fällt das Toupet in den roten Sand. Woraufhin sich das Stade Roland Garros in einen riesigen fassungslosen Wolfsrachen verwandelt, in dem sich kein Lüftchen regt und nur ab und zu Schreie zu hören sind, die die Stille zerreißen, vielleicht aber auch nur das grauenvolle Knacken und Knirschen vorwegnehmen, mit dem das Lügengebäude der Wirklichkeit in sich zusammenstürzt. Ein Stinktier? Jemand hat ein Stinktierfell auf den Platz geworfen?" Leseprobe

Viele Gründe, eine Perücke zu tragen

Abgesehen von Kriminellen (wie eine sogenannte "Perücken-Gang") und Verfolgten (wie früher Salman Rushdie), die den Betrachter täuschen, um ihre wahre Identität zu verbergen, hat - so lernt man aus diesem grandiosen Buch des mexikanischen Essayisten und Dichters - der Perückenträger immer eines im Sinn: Er will andere beeindrucken. Seine erotische Ausstrahlung demonstrieren oder, wie bei Andy Warhol, seine Extravaganz oder aber, wie heute noch bei Richtern in Großbritannien und Australien zu beobachten, seine Autorität. Nicht nur für Menschen mit erblichem oder krankheitsbedingtem Haarausfall bedeutet die Perücke, so Amara in einem erhellenden Kapitel über den Zusammenhang zwischen Tod und Haaren, wenigstens vorübergehend, den "Triumph über die Endlichkeit".

Viele Jahre lang hat Luigi Amara für dieses Buch mit beeindruckenden Abbildungen recherchiert, war und ist, obwohl er selbst keinen Haarausfall hat, von der Perücke geradezu besessen, was auch seinem Umfeld nicht verborgen geblieben ist: "Die Leute haben mich verwirrt angesehen. Mein Psychoanalytiker hat noch nie ein Wort über dieses Thema verloren. Wenn ich bei ihm bin, sagt er einfach nichts dazu."

"Die Perücke" von Luigi Amara ist ein geistreicher, sprachlich herausragender Essay nicht nur für kahlköpfige Leser, sondern für alle, die Lust haben, den Menschen und die Welt aus einer skurrilen Perspektive zu betrachten.

Die Perücke

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Berenberg Verlag
Bestellnummer:
978-3-946334-15-6
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.03.2017 | 12:40 Uhr

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