Stand: 09.09.2015 09:00 Uhr

Harbour Front Festival: Kritik an Veranstaltern

von Heide Soltau
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Auf der "Cap San Diego" werden wieder zahlreiche Lesungen stattfinden.

Heute Abend beginnt in Hamburg das Harbour Front Literaturfestival, das größte Literaturfest Norddeutschlands. Bis zum 10. Oktober stehen rund 70 Lesungen für Erwachsene und Kinder auf dem Programm. Das Publikum hat also die Qual der Wahl. Nicht zuletzt, weil die Organisatoren des Harbour Front Literaturfestivals andere Veranstalter in der Stadt bei der Planung übergehen.

Zahlreiche internationale Autoren in Hamburg

Doris Dörrie, Rafik Schami, Dörte Hansen, Klaus Modick, Richard Ford und viele andere Autoren kommen in den nächsten vier Wochen nach Hamburg. Wie schon in den vergangenen Jahren finden wieder zahlreiche Lesungen auf der "Cap San Diego" statt, dem ausrangierten Frachter an der Überseebrücke. Ein attraktiver Ort, den das Publikum schätzt.

Was es nicht schätzt, ist die rücksichtslose Planung der Veranstalter, die zu ärgerlichen Doppelungen führt, wie der Chef des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, anmerkt. "Das ist kompletter Unsinn", schimpft er. "Ich kann diese fehlende Absprache nicht verstehen."

Literaturhaus beendete Kooperation

Absprachen sind üblich im Kulturbetrieb. Das Hamburger Thalia Theater und das Deutsche Schauspielhaus würden niemals ihre Premieren am selben Tag stattfinden lassen. Rainer Moritz hat sich vergeblich um eine Einigung mit den Programmplanern des Harbour Front Literaturfestivals bemüht. "Sie hatten schon 2014 zugesagt, dass wir uns absprechen", sagt er. "2015 wurde diese Zusage, die 2014 nicht eingehalten wurde, erneuert. Es ist wieder nicht geschehen. Und das war für uns jetzt der Anlass, dass wir gesagt haben, dass die Kooperation damit endet."

Ein Beispiel für die Folgen der mangelnden Absprache ist der 8. Oktober. Dann wird Jonathan Franzen, Autor des Weltbestsellers "Die Korrekturen", auf Einladung des Literaturhauses seinen neuen Roman "Unschuld" in Hamburg vorstellen. Gleichzeitig finden im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals an dem Abend drei Veranstaltungen statt: der Graphic Novel Salon, die Lesung von Gabriel Krone-Schmalz aus ihrem Buch über "Russland und die Ukraine" und in der St. Pauli-Kirche die Präsentation von Bernhard Aichners Krimi "Totenhaus".

Diese Autoren sind dabei

Hauptsponsor stellt Bedingungen

Das Harbour Front Literaturfestival gibt es seit sieben Jahren, initiiert von Nikolaus Hansen und Peter Lohmann, zwei Mittsechzigern, die sich damit einen attraktiven Arbeitsplatz geschaffen haben, aber es bisher versäumt haben, auch Jüngere mit ins Boot zu holen. Hauptsponsor ist die Klaus-Michael-Kühne-Stiftung, deren Unterstützung allerdings immer an die Bedingung geknüpft war, dass sich die Hamburger Kulturbehörde an der Finanzierung des Festivals beteiligt.

Das klingt wie eine Erpressung. Tatsächlich subventioniert die Behörde das Großevent mit 100.000 Euro. Aber wenn das Erpressung sei, so der Pressesprecher Enno Isermann, dann sei es eine sehr süße Form der Erpressung: "Ohne diese wirklich großzügige Unterstützung könnte vieles im kulturellen Bereich in dieser Stadt nicht stattfinden. Insofern würde ich es nicht Erpressung nennen. Man einigt sich darauf, dass man gemeinsam ein Projekt umsetzt."

Im Vergleich zum Literaturhaus, das seit Jahren unverändert 160.000 Euro an Subventionen bekommt und damit zwölf Monate Programm macht, nehmen sich die 100.000 Euro für das Harbour Front Literaturfestival geradezu üppig aus. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Die Eventkultur fällt auch in der Kulturbehörde auf fruchtbaren Boden. Wir schätzen beides, betont der Pressesprecher diplomatisch, aber: "Man muss einräumen, dass heute immer auch ein gewisser Trend dahin geht - Sie mögen es Event nennen - , dass man einfach mal gebündelt an einem Wochenende ein Format besonders in den Fokus nimmt. Was es sicher auch medial manchmal leichter macht, wahrgenommen zu werden."

Ein inhaltliches Konzept gibt es nicht

Die Veranstalter des Harbour Front Literaturfestivals haben von Anfang an geklotzt und tun bis heute so, als gäbe es in Hamburg nicht auch andere erfolgreiche Literaturveranstaltungen wie das Krimifestival, die Nordischen Literaturtage, das Comicfestival oder die Seiteneinsteiger, das mit 200 Veranstaltungen größte Lesefest für Kinder und Jugendliche.

Ein inhaltliches Konzept für das Harbour Front Literaturfestival hat es auch nie gegeben. Es genügte, dass die Autoren berühmt sind. Denn dann lässt sich mit ihnen eben auch Geld verdienen. Nicht zufällig stand in diesem Jahr kurz die Überlegung im Raum, das Kinder- und Jugendprogramm des Festivals zu streichen, nachdem RWE als Sponsor dieser Sparte abgesprungen war. Zum Glück sprangen dafür die Öffentlichen Bücherhallen ein. Aber allein der Gedanke, den immer defizitären Kinderbereich einzufrieren, zeigt, dass es den Herren der Festivalleitung primär um Glanz und Gloria und ums Geschäft geht.

Die Kulturbehörde hält sich aus den Querelen heraus. "Zum Glück leben wir in einem Land leben, das keine Staatskultur macht. Die Veranstaltungsplanung, die liegt ganz eindeutig bei anderen", sagt Enno Isermann. Und das Publikum hat die Qual der Wahl - weil sich die Festivalleitung nicht an Absprachen hält.

Harbour Front Festival: Kritik an Veranstaltern

Richard Ford, Martin Amis, Doris Dörrie - das Harbour Front Festival holt zahlreiche Top-Autoren nach Hamburg. Unumstritten ist es nicht. Den Veranstaltern wird Rücksichtslosigkeit vorgeworfen.

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