Stand: 27.02.2016 18:30 Uhr

Sensation: Frühwerk von Siegfried Lenz entdeckt

von Melanie Thun
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1951 schrieb Siegfried Lenz seinen zweiten Roman. Doch erst jetzt wird "Der Überläufer" publiziert.

"Ich halte es für äußerst gefährlich, den Roman im bisherigen Zustande zu publizieren. Er würde, was seine 'Gesinnung' betrifft, scharf unter die Lupe genommen werden." So heißt es in einem Schreiben des Verlags Hoffmann und Campe an den Autor Siegfried Lenz. Nur: Was war am "Überläufer" damals so gefährlich? Jetzt, 65 Jahre, nachdem er ihn geschrieben hatte, erscheint der Roman. Entdeckt wurde er in Lenz' Nachlass, wo der Autor ihn bis zu seinem Tod vor knapp zwei Jahren unter Verschluss hielt. Ein unentdeckter Lenz: "Der Überläufer" - geschrieben mit 25 Jahren.

"Es ist ein verdammt guter Roman"

Günter Berg war lange Verleger bei Hoffmann und Campe und ist jetzt Vorsitzender der Siegfried Lenz Stiftung. Für ihn ist die Entdeckung eine Sensation: "Wir kannten das Manuskript nicht. Es ist nicht nur ein unveröffentlichter, sondern es ist auch ein verdammt guter Roman. Ich dachte, es kann gar nicht sein, dass ein 25-Jähriger so einen fantastischen Roman schreiben kann."

Hauptperson in "Der Überläufer" ist der 35-jährige Walter Proska, der an der Ostfront bei einer kleinen Gruppe deutscher Soldaten landet, die dort einen Bahndamm bewachen. Hier werden immer wieder Züge der Wehrmacht von Partisanen in die Luft gejagt. Sieben deutsche Soldaten gegen 150 polnische Partisanen - mitten in einem Sumpfgebiet - von Mücken zerstochen, ständig von Kugeln bedroht. Eine Situation, die alle madig macht. Und so heißt es im Roman:

Wir sind auch Deutschland und nicht nur die anderen, und es wäre doch eine komplette Idiotie, wenn wir uns, die wir Deutschland sind, für Deutschland, also für uns selbst, opferten. Leseprobe

Worte gegen den Krieg. Soweit noch in Ordnung in den 50er-Jahren in der jungen Bundesrepublik. Und Lenz war selbst im Krieg gewesen, geriet in englische Gefangenschaft. "Da gingen mir die Augen auf", sagte er im Jahr 2000. "Was in meinem Land geschehen war. Wer die Opfer waren. Wessen Deutschland sich schuldig gemacht hat."

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In seinem Roman lässt Lenz seinen Helden überlaufen und auf russischer Seite weiterkämpfen. Für den Verlag alles andere als opportun, erzählt Günter Berg: "Ein Gutachter schreibt, Lenz könne doch nicht immer nur schreiben, wie schlimm die Wehrmacht gewesen sei, er müsse doch auch mal schreiben, wie schlimm die Russen gewirkt hätten. Es müsse doch gerecht zugehen. Und diese Haltung, es muss doch dem Überläufer Proska ein Gegenspieler entgegengesetzt werden, der es uns erträglich macht, diese Sache auszuhalten, das führt dann dazu, dass man Lenz wirklich panisch nahelegt, dass alles ganz anders zu machen."

Doch Lenz kann und will das nicht anders machen. Schließlich rettet Proska mit seinem Überlaufen nur sein eigenes Leben: Denn die Partisanen nehmen ihn gefangen. Am nächsten Morgen soll er erschossen werden. Tod fürs Vaterland oder Weiterleben als Überläufer? Er entscheidet sich gegen das Pflichtbewusstsein, kämpft ab da auf Seite der Russen gegen seine Landsmänner.

Lektor droht dem jungen Lenz

In einem Schreiben des damaligen Lektors Görner an Siegfried Lenz heißt es: "Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein. Sie können sich maßlos schaden, da helfen Ihnen auch Ihre guten Beziehungen zu Presse und Funk nicht." Für Günter Berg ist dieses Schreiben eine massive Drohung: "Man sagte ihm quasi: 'Nun lass das. Und wenn du es trotzdem machst, dann schadest du uns allen, aber vor allem uns hier.' Ich glaube, dass das Mitleid Görner dem Autor gegenüber sich in Grenzen hielt. Der hatte wirkliche Angst, dass der Autor darauf bestehen und möglicherweise Krach schlagen würde, dass der Verlag seinen Roman nicht veröffentlicht, obwohl es ja einen unterschriebenen Vertrag gibt. Aber so einen Zirkus anzufangen, war nicht Lenzens Sache."

Der Lektor geht mit dem jungen Lenz hart ins Gericht, wirft ihm vor, alle hereingelegt zu haben, weil er dem Überläufer Proska keinen Gegenspieler entgegengestellt hat und schreibt sogar: "Lieber Herr Lenz, erwägen Sie nicht etwa eine wütende Geste zu machen und ein neues Buch schreiben zu wollen." Und was macht Lenz? Der antwortet wie folgt: "Ich möchte Ihnen nun mit Besonnenheit und völlig leidenschaftslos sagen, dass ich diesen Roman nicht schreiben werde; und zwar werde ich ihn nicht schreiben, weil ich ihn nicht schreiben kann."

"Der Überläufer" erscheint mit 65 Jahren Verspätung

65 Jahre später erscheint sein Überläufer nun doch - bei Hoffmann und Campe, dem Verlag, der das Buch einst abgelehnt hatte. Ein Roman, der schon hier Themen aufgreift, die für sein späteres Werk elementar waren. Ob Lenz sich über die späte Veröffentlichung gefreut hätte? "Er hätte diesen Roman gewiss nicht mehr gelesen", ist Berg überzeugt. "Sondern er hätte die Leute, von denen er glaubte, dass sie das in seinem Sinne beurteilen würden, gefragt, ob er was taugt."

"Der Überläufer" ist eine kleine Sensation, ein durchaus lesenswertes Buch und vor allem die spannende Geschichte eines lange vergessenen Romans.

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