Stand: 22.08.2017 14:06 Uhr

Mary Poppins' dunkle Seite

Dann schlaf auch du
von Leïla  Slimani, Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Vorgestellt von Alexander Solloch

Wenn in ein paar Wochen auf der Frankfurter Buchmesse das Gastland Frankreich und vor allem natürlich die französische Literatur gefeiert werden, dann wird dieser Roman keine kleine Rolle spielen: "Dann schlaf auch du" von Leïla Slimani, einer der interessantesten Autorinnen unseres Nachbarlandes.

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Leïla Slimani studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po und arbeitet als Journalistin für die Zeitschrift "Jeune Afrique".

Slimani wurde 1981 in Rabat als Tochter einer algerischstämmigen Französin und eines Marokkaners geboren, seit 1999 lebt sie in Frankreich. Dort machte ihr neuester Roman - ihr zweiter insgesamt - schon im vergangenen Herbst Furore, er wurde mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem "Prix Goncourt". Jetzt kommt bei Luchterhand die deutsche Übersetzung heraus.

Keine Sekunde lang lässt die Katastrophe auf sich warten. Was der letzte Satz sein könnte, ist in diesem Roman der erste: "Das Baby ist tot." Und tot ist, wie wir wenige Sekunden später erfahren, auch die Schwester des Kleinen.

Vertrauen zu scheinbar Vertrautem

Zwei Kinder, ermordet von einer Frau, die so wunderbar schien. "Das ist genau mein Thema: dass man sich nie wirklich kennt. Man lebt zusammen, ist ganz nah beieinander - tatsächlich aber kennt man sich nicht. Man versteckt voreinander die inneren Dämonen, die Monster, all das, was sich mit dem Verstand nicht greifen lässt", so Leïla Silmani.

Leïla Slimani, selbst Mutter zweier kleiner Kinder, erzählt, was passieren kann, wenn man sich zu sicher fühlt; wenn man aber auch keine andere Wahl hat, als nach jedem Zipfel Sicherheit zu greifen. Täte man es nicht, würde man hinweg gespült von der niederschmetternden Gewissheit, dass nicht zu schaffen ist, was man schaffen muss: arbeiten, erfolgreich sein, Kinder erziehen mit Liebe, Geduld und hingebungsvoller Freude.

Gefährlicher Erwartungsdruck

Myriam, eine junge Juristin, würde ja gern Glück empfinden über ihre zauberhaften Kinder Mila und Adam. Aber Müdigkeit und Erwartungsdruck ermatten sie. Paul, ihr Mann, kann auch nicht viel Entlastendes tun - der Musikproduzent muss, um sich auf dem Markt einen Namen zu machen, möglichst viel Zeit im Studio verbringen. Die Sache ist klar, es braucht eine Kinderfrau. Wie eine unwirkliche Fee erscheint Louise:

"Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr perfektioniert Louise die Kunst, unsichtbar und zugleich unverzichtbar zu sein. Die Nanny ist wie diese Schemen, die im Theater im Dunkeln das Bühnenbild umbauen. Sie heben ein Sofa an, verschieben geschwind eine Säule aus Pappe, ein Stück Mauer. Louise wirkt hinter den Kulissen, unbemerkt und mächtig. Sie ist die Wölfin mit der Zitze, an der sie alle trinken, die verlässliche Quelle ihres Familienglücks." Leseprobe

Hier stecken wir mitten in einer Mary-Poppins-Geschichte: Louise kann alles, Louise hält alles am Laufen, Louise verzaubert alle, und die Kinder lieben Louise. Welch eine glückliche Fügung für die Familie!

Eines aber bedenken die Eltern nicht in ihrem atemlosen Schaffensdrang: Sie haben sich eine Abhängige ins Haus geholt, eine Leibeigene geradezu.

"Sie sagt sich, dass sie sie stundenlang betrachten könnte, ohne es je leid zu werden. Dass sie sich damit begnügen würde, ihnen beim Leben zuzusehen, im Hintergrund zu wirken, damit alles perfekt ist, damit der Mechanismus nie ins Stocken gerät. Tief in ihrem Innern ist sie sich jetzt sicher, brennend und schmerzhaft sicher, dass ihr Glück von ihnen abhängt. Dass sie selbst ihnen gehört und die beiden ihr gehören." Leseprobe

Schleichendes Unheil im Alltag

Kaum merklich wird aus dem Kinderbuchidyll eine Tragödie: Schuldlos laden Myriam und Paul die Schuld auf sich, das Leben der Louise nicht genug zu hinterfragen.

Sie bekommen das wohl mal mit, dass sie hoffnungslos verschuldet ist und völlig vereinsamt in den wenigen Stunden, die sie nicht mit den Kindern verbringt. Aber sie wollen es gar nicht genauer wissen. Sie können es gar nicht genauer wissen wollen. Ihnen fehlt die Kraft. Tut was, erhebt euch, ändert was, ruft der Leser, der das bittere Ende schon kennt. Aber er weiß auch - es geht gar nicht.

Sicher, man könnte einfach einen Schlussstrich ziehen, das Ganze hier beenden. Aber Louise hat die Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie weiß alles. Sie hat sich so gründlich in ihrem Leben eingenistet, dass es jetzt unmöglich erscheint, sie daraus zu entfernen. Sie werden sie hinausdrängen, und die Nounou wird wiederkommen. Sie werden Lebewohl sagen, und Louise wird gegen die Tür hämmern, sie wird trotzdem hereinkommen, drohend, wie ein gekränkter Liebhaber. Leseprobe

Meisterlich komponiert Leïla Slimani aus der Banalität unseres müden Durchwurschtelns ein Drama von existenzieller Wucht. Mit kurzen, harten Sätzen, die unweigerlich dem bitteren Ende entgegenstreben, packt sie den Leser, schüttelt ihn durch. Das Baby ist tot. Wie wollen wir leben?

Dann schlaf auch du

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Bestellnummer:
978-3-630-87554-5
Preis:
20,00 €

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