Stand: 21.12.2015 15:16 Uhr

Tucholskys letzte Ruhestätte

von Björn Dake
Bild vergrößern
Eine schlichte Granitplatte erinnert in Mariefred an Kurt Tucholsky.

Der Friedhof in Mariefred, etwa eine Autostunde südwestlich von Stockholm: Ein Schild aus Holz weist den Weg zu Kurt Tucholskys Grab. Zwischen Kiesweg und einer mit Moos bewachsenen Eiche liegt eine schlichte Granitplatte. "Kurt Tucholsky" steht darauf, dazu die Jahreszahlen von Geburt und Tod: 1890 und 1935. Weiter unten sind zwei Zeilen aus Goethes "Faust II" zu lesen: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis."

Auf Schloss Gripsholm hat er nie gelebt

Das Grab ist vor allem für Deutsche zu einer Art Wallfahrtsort geworden. Ganze Busladungen machen hier Halt, vor oder nach dem Besuch des Schlosses Gripsholm auf der anderen Seite der Stadt. Der Skandinavist Jürgen Scholz aus Leipzig führt Urlauber regelmäßig durch das Wasa-Schloss.

Bild vergrößern
Dieser Blick auf Schloß Gripsholm inspirierte Tucholsky vermutlich zu seinem Roman.

Jedes Mal kommt die Sprache auf den Journalisten und Schriftsteller: "Viele deutsche Touristen kennen natürlich Schloss Gripsholm aufgrund des Romans von Kurt Tucholsky. Viele haben das Buch gelesen oder kennen die Filme und dann wollen sie das Schloss auch mal sehen", sagt Scholz.

Im Sommer des Jahres 1929 verbringt Tucholsky fünf Monate hier. Von dem Haus an einem Hang kann er jeden Tag auf das Schloss schauen - Inspiration für seinen berühmten Roman. "Er war schon hier in der Gegend, hat aber nicht selber auf Schloss Gripsholm gewohnt, wie das durch das Buch vermittelt wird oder durch die Filme", erklärt Scholz. "Und wenn man dann auf dem Schloss ist und so gar nichts an den Film erinnert und wir auch sagen müssen, dass er gar nicht hier gewohnt hat, dann sind die Touristen natürlich enttäuscht - auch wenn ihnen das Schloss gut gefällt."

Lebensabend in Hindås

Mit den Menschen im Ort hat Tucholsky nichts zu tun. Er will seine Ruhe habe. Schwedisch lernt er erst später. Nach der Machtergreifung erkennen die Nazis Tucholsky die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Er beantragt, Schwede zu werden. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er in Hindås bei Göteborg, 400 Kilometer entfernt von Mariefred.

Tucholsky geht es schlecht, fünf Mal wird er an der Nase operiert. Sein Magen macht ihm ständig Probleme, dazu zermürben ihn offenbar die verschiedenen Frauengeschichten. Am 21. Dezember stirbt er an den Folgen einer Mischung aus Schlafmitteln und Alkohol - ob absichtlich eingenommen oder nicht, darüber streiten die Fachleute.

Ein Requiem mit Herz und Schnauze

Bild vergrößern
Tucholsky veröffentlichte 1931 seinen Roman "Schloß Gripsholm". 1963 wurde das Buch erstmals verfilmt.

Gertrude Meyer hat den Bewusstlosen gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Seine Freundin aus Hindås hat das Grab für Tucholsky nach langer Suche ausgewählt. Warum ausgerechnet in Mariefred, das weiß man nicht genau. Eine Theorie besagt, dass Mariefred eine Erinnerung ist an Tucholskys zweite Ehefrau Mary Gerold.

Dem Schriftsteller war es angeblich nur wichtig, unter einer Eiche begraben zu sein. Als Grabspruch hatte er etwas anderes im Sinn, formuliert 1923 in der Satire "Requiem": "Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze. Gute Nacht."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 21.12.2015 | 19:00 Uhr