Stand: 18.01.2016 13:00 Uhr

Die Wahrheit über das Leben

Am Fenster
von Julian Barnes, aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Thomas Bodmer, Alexander Brock und Peter Kleinhempel
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Anlässlich seines 70. Geburtstages sind die Essays von Julian Barnes erschienen, in denen er von seinen Lieblingsbüchern und -autoren erzählt.

Bekannt und beliebt bei den Lesern in Deutschland wurde der britische Schriftsteller Julian Barnes mit seinem 1984 auf Deutsch erschienenen Roman "Flauberts Papagei". Diejenigen, die dieses Buch gelesen und geliebt haben, wollten danach jeden anderen Text von ihm auch lesen und eroberten dabei einen Autor, dessen Bücher kluge, inspirierende Geschenke an die Leser sind. Nun ist sein neuestes Buch "Am Fenster" erschienen.  

Viele Gründe, Julian Barnes zu lesen

Stunden von makellosem Lektüreglück, gelegentlich aufblitzende Hoffnung auf bessere Welten, Trauer, Berührung, Abenteuer, Verständnis verborgener psychologischer Schichten - es gibt etliche Gründe, Julian Barnes zu lieben, zu verehren und zu lesen: Die Geschichte vom Erwachsenwerden in seinem Roman "Metroland", "Als sie mich noch nicht kannte" über rückwirkende Eifersucht, "Eine Geschichte der Welt in 11 1/2 Kapiteln" mit den Erkenntnissen über das Wesen der Liebe, nicht zu vergessen seine gescheiten Gedanken zum Thema Glauben und seine Fähigkeit, die Düsternis tiefer Trauer so zu erfassen, dass es jeden fühlenden Menschen tröstet und aufrüttelt zugleich.

Sein unwiderstehlicher Humor nicht zu vergessen! Wir haben allen Anlass, diesen Schriftsteller überschwänglich zu rühmen und ihm zu danken. In seinem neuen Buch tut er just das in 17 Essays und einer Short Story mit seinen eigenen Lieblingsschriftstellern. Das sind, um nur einige zu nennen, Ford Madox Ford, Rudyard Kipling oder John Updike.

Bioliteratur erklärt das Leben

"Natürlich erklärt auch die Biologie das Leben, ebenso die Biografie, die Biochemie, Biophysik, Biomechanik und Biopsychologie. Aber sämtliche Biowissenschaften müssen hinter der Bioliteratur zurücktreten. Romane erzählen uns die reinste Wahrheit über das Leben: was es ist, wie wir es leben, wozu es da sein könnte, wie wir es genießen und was es uns wert ist, wie es uns misslingt und wie wir es verlieren", sagt Julian Barnes und versucht zu ergründen, warum das so ist.

Warum bevorzugen echte Leser mitunter das Lesen vor dem Leben? Ist dies die Lösung vom Geheimnis? Hat man durch die Literatur einen Logenplatz "Am Fenster", um das Leben zu betrachten. Der Titel seiner Essaysammlung "Am Fenster" bezieht sich auf eine Karikatur von Sempé, auf der eine Buchhandlung mit mehreren Abteilungen von innen zu sehen ist, und draußen vor dem Fenster geht ein Mann mit Hut vorbei.

Von rechts kommt eine kleine Frau, die ebenfalls einen Hut trägt. Sie können sich nicht sehen, aber von unserem Logenplatz aus erkennen wir, dass die beiden gleich zusammentreffen, vielleicht zusammenstoßen werden. Etwas wird geschehen und beobachtet werden. Dieser Teil des Buchladens heißt LITERATUR. Leseprobe

Literatur als persönliches Weltereignis

Julian Barnes porträtiert in einem der 17 Essays die wundervolle Penelope Fitzgerald, rüttelt ein wenig am Denkmalsockel von George Orwell, kriecht in die schützenden Texthüllen von trauernden Autoren wie etwa Joan Didion oder nähert sich in einer bizarren Kurzgeschichte Ernest Hemingway. Es sind sprachlich funkelnde, von Liebe zur Literatur glühende Aufsätze über Literatur und natürlich über das Leben. 

Julian Barnes' Bücher würde ich mit auf die berühmte Insel nehmen, damit mir am Lagerfeuer nicht kalt wird. Ich schwöre, das sind Filigrane aus Stahlfäden, Taue aus Gold - und jeder Scherz darin von Güte durchzogen. Liebe zur Literatur wird als persönliches Weltereignis gefeiert. Ein dreimal kräftiges Hurra und er lebe hoch zum 70. Geburtstag!

Am Fenster

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04863-3
Preis:
21,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.01.2016 | 12:40 Uhr

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