Stand: 06.07.2015 22:35 Uhr

Leben und Sterben mit der Scharia

Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat"
von Jürgen Todenhöfer
Vorgestellt von Norbert Kron

Er hat mit Menschen gesprochen, die zu den grausamsten Taten fähig sind. Er ist in Gebiete vorgedrungen, wo Journalisten normalerweise getötet werden. Monatelang hatte der Publizist Jürgen Todenhöfer große Angst - aber der Wille, aus dem Inneren des IS zu berichten, war stärker.

"Für mich war das Entscheidende, diese Terroristen kennenzulernen", sagt der promovierte Jurist, ehemalige Strafrichter und Medienmanager. "Und da wir zusammen lebten - wir haben auf demselben Boden geschlafen, wir waren fast immer zusammen, sind in denselben Autos gefahren -, habe ich die Welt dieser Leute kennengelernt."

Reise mit Passierschein vom Kalifen

Sommer 2014. Todenhöfer will hinter die martialische Selbstinszenierung blicken, die wir aus den Propagandavideos des IS kennen. Im Internet nimmt er Kontakt zu deutschen Dschihadisten auf. Einer von ihnen ist der Solinger Christian E., der sich jetzt Abu Quathàda nennt. Mit ihm, dem Presseoffizier des IS, handelt Todenhöfer eine zehntägige Reise durch das IS-Gebiet aus.

Sein Sohn Frederic Todenhöfer begleitet ihn, filmt die Begegnungen. Etwa das Zusammentreffen mit einem IS-Richter, bei dem der erklärt, dass bei Diebstählen über 40 Dollar die Hand abgehackt würde.

Die Gespräche, die er mit den IS-Leuten geführt habe, seien sehr offen gewesen, meint Todenhöfer: "Am Anfang freundlich - aber sie wurden zunehmend frostig, als sie merkten, dass ich der Auffassung war, dass sie mit dem Islam nichts zu tun haben. Sie haben das akzeptiert, aber es ist zu Wutausbrüchen gekommen. Und mein Sohn hat sich immer wieder die Frage gestellt: Wie lange gilt die Sicherheitsgarantie?" Ein Schreiben aus dem Büro des Kalifen war für Vater und Sohn die Lebensversicherung.

"Wenn sie die Scharia nicht beachten, wird es eng"

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Die Scharia (deutsch etwa: "der gebahnte Weg") ist kein Gesetzbuch, sondern bezeichnet das auf göttliche Offenbarung zurückgeführte islamische Recht in seiner übergeordneten Gesamtheit.

Jürgen Todenhöfer macht stets klar, dass er den Islam für eine barmherzige Religion hält - die die selbst erklärten Gotteskrieger jedoch fehldeuten.

Im Terror-Territorium entdeckt der Autor immer wieder Momente eines ganz normalen Lebens. Ob bei einem Hochzeitskorso oder bei einer Begegnung mit einem FC-Bayern-Fan in Mossul: "Sie sehen junge Leute mit engen Jeans und ganz gestylten Frisuren", erzählt er. "Als ich dann unseren IS-Begleitkommando gesagt habe: 'Die haben mit euch nicht viel zu tun', sagten die: 'Mit uns haben ganz wenige etwas zu tun. Wenn sie die Scharia beachten, haben sie nichts zu fürchten. Wenn sie die Scharia nicht beachten, wird es eng.'"

Hätte der Westen sich nicht einmischen dürfen?

Der verständnisvolle Blick, den Todenhöfer seit Jahren auf den Islam wirft, hat ihm eine große Fangemeinde eingebracht. Das zeigte sich etwa bei der Präsentation von "Inside IS" an der Berliner Humboldt-Universität. Der ehemalige, einst erzkonservative CDU-Politiker nimmt auch dort wieder den Westen ins Visier, der die arabischen Welt aus wirtschaftlichen Gründen angegriffen und ausgebeutet habe: "Ohne den Krieg mit Bomben von G. W. Bush gegen den Irak gäbe es den IS gar nicht. Der IS ist ein Baby von G. W. Bush."

Trotz der scharfen Kritik am Westen leuchtet er die Wirklichkeit des IS unbestechlich aus. Das ist die Stärke von Todenhöfers Blick. Die Terroristen morden und schänden nicht wahllos, sondern nach ihrer eigenen kruden Ideologie. Christen und Juden dürfen ihre Religion ausüben, wenn sie die sogenannte Dschizya zahlen - eine Art Schutzgeld, eine Kopfsteuer für Nichtmuslime.

Der IS - eine martialische Ideologie

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Jürgen Todenhöfer, der im November 75 wird, machte sich einen Namen als Kritiker von Interventionen im Nahen Osten.

Alle Muslime, die nicht streng die Scharia befolgen, sind dagegen Todfeinde. Wie überhaupt alle Ungläubigen, erklärt Abu Quathàda. Und der IS-Presseoffizier sagt: "Ob ich zurückkehre nach Deutschland, das weiß ich nicht, das weiß nur Allah. Aber wir werden definitiv zurückkehren, und das wird nicht mit Freundlichkeiten sein, sondern mit der Waffe und mit unseren Kämpfern. Wer den Islam nicht annimmt und die Dschizya nicht zahlt, den werden wir töten."

"Ich habe nicht nur Abu Quathàda gefragt, sondern auch andere: Ihr wollt alle Schiiten töten, weil sie keine richtigen Muslime seien? Aber es gibt davon allein 150 Millionen auf dieser Welt", berichtet Jürgen Todenhöfer. "Da hat er gesagt: 'Es ist mir egal, ob 300 Millionen oder 500 Millionen.' Das heißt, die sprechen über den größten Völkermord, den die Menschheit je gesehen hat."

"Inside IS" ist der erste differenzierte Blick auf das Reich des Bösen. Und damit ein wichtiges Dokument.

 

Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat"

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Verlag:
C. Bertelsmann
Bestellnummer:
978-3570102763
Preis:
17,99 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 08.07.2015 | 00:00 Uhr

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