Stand: 08.07.2015 11:00 Uhr

Jonathan Franzen kommt nach Göttingen

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Stephan Lohr war bis zu seiner Pensionierung Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur. Beim Göttinger Literaturherbst ist er als Programmberater tätig.

Vom 9. bis zum 18. Oktober findet in Göttingen der Göttinger Literaturherbst statt. Am Mittwoch wurde das Programm für die diesjährige 24. Ausgabe des Festivals vorgestellt. NDR.de hat mit dem Programmberater des Festivals, Stephan Lohr, gesprochen.

Herr Lohr, Literaturfestivals im Norden gibt es viele. Der Göttinger Literarturherbst hat daher einen ganz besonderen Ansatz: Er möchte Literatur und Wissenschaft miteinander in Dialog bringen. Wie genau kann das passieren?

Stephan Lohr: Zunächst ist es ein Profil, das zu der Stadt Göttingen passt. Das ist ja immerhin die Stadt, die mit dem Slogan für sich wirbt "Die Stadt, die Wissen schafft", deswegen gibt es den starken wissenschaftlichen Akzent. Das machen wir in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen, dort heißt die Reihe "science & arts". Da soll es darum gehen, die Wissenschaft und die Literatur, aber auch die Künste insgesamt in den Blick zu nehmen.

Wie zeigt sich das im Programm?

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Günter Wallraff wird an einem Podium teilnehmen und über seine Methoden des verdeckten Ermittelns berichten.

Lohr: Das geschieht in diesem Jahr mit einer Veranstaltung mit Günter Wallraff, der auf dem Podium sitzen wird, mit der Soziologin Nicole Mayer-Ahuja von der Universität Göttingen und dem Soziologen Armin Nassehi aus München. Wallraff ist inzwischen über 70 Jahre alt und hat die Methode des Aufdeckens unterschlagener Wirklichkeiten verändert - vom Dokumentaristen in den 60er-Jahren, wo er monatelang bei Ford in Köln gearbeitet hat, zu einer mehr inszenatorischen Tätigkeit, zum Beispiel in der Redaktion der "Bild" in Hannover.

Das war ja nicht nur ein Beobachten, sondern ein inszenatorischer Gag, um an Dinge heranzukommen, die bis dahin nicht öffentlich waren. Und schließlich kann man bei Wallraff beobachten, dass er inzwischen wieder Bedacht auf seine Wirkung legt und bei RTL gewissermaßen als Label auftaucht, inzwischen verstärkt um eine Truppe junger Journalistinnen und Journalisten, die von ihm beraten und unterstützt werden.

Zu einem richtigen Literaturfest gehören aber natürlich auch Literaten. Wer kommt denn in diesem Jahr nach Göttingen?

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Die Regisseurin Doris Dörrie kommt ebenfalls nach Göttingen.

Lohr: Wie schon im letzten Jahr kommt da jemand, von dem wir noch nicht wissen, wer es sein wird: eine Frau oder ein Mann, der oder die zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Buchpreis gewinnen wird. Der erste Auftritt dieser glücklichen Person jenseits der Messe wird ein Auftritt beim Göttinger Literaturherbst sein. Wir freuen uns sehr darauf und sind gespannt, mit wem wir es da zu tun haben werden.

Dann gibt es eine Reihe starker Frauen: Doris Dörrie wird ihren Roman vorstellen, eine Lesung, die der Göttinger Literaturherbst gemeinsam mit dem NDR präsentieren wird, in der Reihe "Der Norden liest". Dann kommt die populäre Autorin Jojo Moyes, genauso wie Alina Bronsky und die israelische Autorin Zeruya Shalev, gemeinsam mit Maria Schrader, die ja Shalevs Bücher verfilmt hat. Daneben kommen zahlreiche Autorinnen und Autoren, die im Frühjahr oder Herbst neue Bücher veröffentlicht haben, etwa Feridun Zaimoglu, Wiglaf Droste und Alexander Osang.

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US-Autor Jonathan Franzen lebte einige Zeit in Berlin. Er wird seinen Roman selbst auf deutsch vorstellen.

International haben wir einen starken Auftakt mit dem Amerikaner Jonathan Franzen. Er wird nicht häufig auftreten während seines Aufenthaltes in Deutschland, aber es ist uns gelungen, ihn nach Göttingen zu locken. Franzen hat angekündigt, dass er versuchen will, den Abend selbst auf Deutsch zu gestalten. Er hat ja mal eine Zeit lang in Berlin gelebt. Das wird also ganz spannend.

Jetzt taucht im Programm ein Name auf, der erst mal überraschend ist für ein Literaturfest: der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück ...

Lohr: Peer Steinbrück war einer der gewichtigen Sachbuchautoren in diesem Jahr. Wir leben in Zeiten, in denen finanz- und wirtschaftspolitische Themen von großer Brisanz sind und da haben wir überlegt, wie wir daraus eine eigene Veranstaltung machen und haben wir mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie gesprochen und ihn gefragt, ob er sich vorstellen könne, mit Steinbrück ein Podium zu bestreiten. Er war ganz Feuer und Flamme und auch Steinbrück war begeistert, sodass wir davon ausgehen, dass da zwei kluge Menschen mit im Detail unterschiedlichen Ansätzen über das reden werden, was wir gerade alle gemeinsam erleben unter dem Stichwort "Griechenland und die Konsequenzen für Europa".

Das Interview führte Jan Ehlert, NDR.de