Stand: 20.03.2017 10:00 Uhr

Jugendliche und ihre Gefühlsknäuel

Klassenbuch
von John von Düffel
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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In John von Düffels Roman "Klassenbuch" stehen neun junge Menschen mit ihren pubertären Nöten im Mittelpunkt.

John von Düffel - 1966 in Göttingen geboren - zählt zu den anspruchsvollsten Autoren in Deutschland, seine Bücher sind alle mit Literaturpreisen ausgezeichnet und in den Hochfeuilletons intensiv beachtet worden. Er hat über Erkenntnistheorie promoviert, arbeitet unter anderem als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin und als Dozent für szenisches Schreiben am Literaturinstitut in Leipzig oder der Universität der Künste in Berlin. Nun erscheint ein neuer Roman von John von Düffel: "Klassenbuch".

Düstere Stimmungen

Neun Jugendliche in extremen pubertären Nöten sind hier versammelt. Neun junge Menschen, die Schwierigkeiten haben mit sich, mit der Zukunft, mit nicht zu entwirrenden Gefühlsknäueln. Schweflig riechende Laune, keine Aussicht auf aus der Mode geratene Zustände wie Freude, Zuversicht oder gar Lust auf irgendetwas. Zukunft war früher. Schwarz ist die Stimmung, düster der Sound, Magnetschuhe an den Füßen, die jede Bewegung zur Tortur machen. So kommen sie einem vor, die neun jungen Menschen, die hier abwechselnd zu Wort kommen: Erik, Stanko, Emily, Bea, Lenny, Annika, Nina, Li und Henk. Magersucht, Drogensucht, Selbstsabotage, Hass, Rückzug in Computerwelten, Klagemauer rund um den Schulhof. Unerklärliche Wut auch auf die Eltern. Bea sagt:

"(...) sie verstehen nichts. Sie haben ihre Verständnislosigkeit nur gezähmt. Seit ich denken kann, ist da dieser Satz, den ich ihnen sagen will, immer schon: Behaltet eure Liebe für euch. Wenn sie jetzt an die Klotür klopfen, schreie ich das Haus zusammen (...) Meine Eltern sind echt lieb, ich nicht." Leseprobe

Die Mutter schweigt zu allen töchterlichen Anwürfen, fragt höchstens: "Erdbeermarmelade?"

Ein Junge namens Lenny ist der Computermann in der Gruppe, die John von Düffel beschreibt:

"Ich kann ein paar Sublevel-Kräfte ziehen, mehr Persönlichkeit hochladen und werde wieder zum Held meiner Geschichte. Ich bin Anti-Nerd-Lenny und gucke mir zu in einer School-Container-Doku-Soap (...) Das Format macht Sinn, die Reizarmut soll so. Die Unterhaltungsverelendung drinnen wie draußen ist der eigentliche Task: das Survival-Programm! Ich gehe auf Gefällt mir und bin innerlich an." Leseprobe

Erwachsene werden nicht ernst genommen

Lenny kübelt seinen düsteren Spott über die Erwachsenen, denen er sich selbstverständlich weit überlegen fühlt:

"Pass schön auf in der Schule, damit du nicht auch im Mindestlohnsumpf stecken bleibst, sondern später mal einen Beruf performst, der dir ein Leben lang Freude bereitet, so wie Deutschlehrer oder Scheidungsanwalt." Leseprobe

Splitter, scharfkantig, aggressiv auf der einen, verletzt und klein auf der anderen Seite. Die Gefühlsregler sind auf null herunter. Nina sagt:

"Das Problem mit meiner Mutter ist, dass sie kein Problem damit hat, langweilig zu sein. Sie ist normal, aber eben nicht 'schrecklich' normal oder 'der ganz normale Wahnsinn' oder auf sonst eine Art soap-normal, sondern egal-normal und total reality-untauglich." Leseprober

Suche nach Frieden

Ein Junge namens Henk beschreibt, wie er in den Straßen in eine Demonstration gerät und nicht weiß, welche Seite welche Position vertritt. Pro Burka oder anti Burka? 

"Tarek und Cem hatte ich abgeschüttelt, dachte ich. Möglich, dass sie gar nicht ins JuZe wollten, sondern zur Demo, um gegen den schwulen Volksverführer mit den Rosenlippen zu protestieren - oder dafür." Leseprobe

Das Mädchen Bea wird später immerhin einen Grund für ihre Todessehnsucht ausfindig machen können:

"Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem ich beschützt bin (...) Es gibt keinen Frieden. Das ist es, was ich meinen Eltern vorwerfe. Sie haben zugelassen, dass Tarek und Cem bei uns eingezogen sind, sie haben mir nichts verboten und die beiden nicht einmal rausgeschmissen, als wir es immer wilder trieben. Wir konnten machen, was wir wollten. Das verzeihe ich ihnen nie." Leseprobe

Ich bezweifle, dass ein Jugendlicher, egal wie übel er gestimmt sein mag, so sprechen würde. Aber in Wirklichkeit weiß ich auch das nicht mehr, nach diesem sehr schwer zu lesenden, wie Wackersteine auf der Seele liegenden Text, der erschöpft, sprach- und mutlos macht. Wenn das hohe Literatur ist, würde ich gern ein Wort von Alfred Polgar abwandeln, der zu Protokoll gab: Für die platonische Liebe bin ich impotent.

Klassenbuch

von
Seitenzahl:
350 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont Verlag
Bestellnummer:
978-3-8321-8944-0
Preis:
17,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.03.2017 | 12:40 Uhr

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