Stand: 27.03.2017 10:00 Uhr

Das Kind - Quell der Freude und Faszination

Zuckersand
von Jochen Schmidt
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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"Zuckersand" ist das neue Werk des 1970 in Ost-Berlin geborenen Jochen Schmidt.

Vor zwei Jahren erschien von Jochen Schmidt ein vielgerühmter Roman über das Erwachsenwerden zu DDR- und Wendezeiten: "Schneckenmühle". Wer sich daran gern erinnert, hat jetzt allen Grund zur Freude. In seinem neuen Roman "Zuckersand" beschreibt Jochen Schmidt die vielen diffizilen, kleinen und großen Abenteuer eines Kindes heute.

Schöne Gestaltung mit treffenden Zeichnungen

Den Buchumschlag und 14 Vignetten im Buch hat die Hamburger Illustratorin Line Hoven gezeichnet. Jochen Schmidt hat mit ihr zusammen schon das Buch "Schmythologie" veröffentlicht. Sehr selten trifft eine Umschlaggestaltung so haargenau den Kern eines Buches wie hier: Ein Vater überquert mit einem kleinen Jungen an der Hand auf einem Baumstamm balancierend ein Gewässer mit Krokodilen darin, eines sperrt hungrig das Maul auf! Im Hintergrund ist eine Höhle im Dschungel zu sehen. Die beiden Menschen, klein und etwas größer, tasten sich von einem Teil eines Urwaldes in einen anderen.

Die Welt entdecken

Nichts anderes ist es, mit einem kleinen Kind, das einem anvertraut ist, die Welt zu entdecken und Terrain zu erobern. Alles ist neu. Darum muss ja auch alles zunächst in den Mund gesteckt werden, zur Materialschulung im hochaktiven Babygehirn. Egal, welche Gefahren dabei drohen. Spielplatz, Wartezimmer beim Kinderarzt, Mahlzeiten am Tisch, nicht nur Straßenverkehr - alle Lebensbereiche bergen Gefahr für Leib und Leben.

Karl heißt der kleine Kronprinz. Seine Mutter Karla, aus Sicht des Kindsvaters ebenfalls Quelle für Faszination und Rätsel, arbeitet in der Denkmalschutzbehörde und schickt SMS-Nachrichten mit Anweisungen.

Detaillierte Beschreibungen

Berichte über das jeweils weltschönste und weit und breit klügste Kind von allen - das wissen wir - langweilen nur die jeweiligen Eltern und Großeltern nicht. Doch Jochen Schmidt vollbringt das Kunststück, hinreißend bezaubernd über das Zusammensein von Vater und Kleinkind zu schreiben. Er betrachtet ...

"[...] fast rund um die Uhr Karl, dessen Schönheit mich bis zur Erschöpfung verblüfft. Sein spitzer Mund, wenn er mir gestattet, ihn mit einem Lappen abzuwischen, seine kitzligen Ohren [...] seine verschwitzten Nackenhaare nach dem Mittagsschlaf, seine eifrigen Kaubewegungen, wenn ihm etwas schmeckt, seine Lippen, die sich gegen die Zahnbürste sperren, seine Freude, als er das erste Mal auf der Stelle gehüpft ist, ohne umzufallen [...] die kokette Pobeule in der Strumpfhose, wenn die Windel voll ist (was er stets abstreitet)." Leseprobe

Komisch, zärtlich, unentwegt besorgt, aber durchaus die grenzenlose Neugier und Entdeckerfreude des Kindes teilend, zeigt sich dieser Vater und erinnert sich dabei an seine eigene Kindheit:

"Beim Einschlafen wanderte ich in Gedanken durch meine Organe und stellte mir den Kampf der standhaften Antikörper gegen Armeen von Bakterien vor. Ich hätte meinen Körper gerne einmal mit einem Expeditionsteam erforscht [...]" Leseprobe

Aufmerksame Beobachtungen

Das Leben ist, wenn man es richtig betrachtet, schon im Kleinen aufregend. Und immer wieder macht Jochen Schmidt uns auf Dinge aufmerksam, die uns wohl auch schon mal durch den Kopf gegangen sind. Zum Beispiel im Supermarkt:

"Ich betrachte die Waren, die die Kundin vor mir auf das Band gelegt hat, eine Tüte Gewürzmischung, Nescafé, Kurzkoch-Reis, ein Glas Marshmallow-Creme, ein Toastbrot und eine Flasche Baileys. Es kommt mit seltsam vor, daß wir uns vor anderen so bloßstellen und ihnen unsere Einkäufe zeigen, statt sie dezent mit einem Tuch zu bedecken. Oft bekomme ich Mitleid, wenn ich die fremde Auswahl betrachte, und ich hege heimlich die Hoffnung, mit meiner Warenzusammenstellung andere zu ermutigen, ihr Leben zu ändern." Leseprobe

Lauter kleine, raffiniert ausgewählte Anekdoten, Schnappschüsse, kindliche Bonmots und Abenteuer aus dem Zusammensein mit einem Kind sind hier zu einem wundervollen Roman komponiert. Normalerweise kann man sagen: Nur einer zieht schneller als der Sheriff: eine Oma die Bilder ihrer Enkel. Jochen Schmidt macht es stellvertretend und gültig für viele. Vor allem natürlich auch für eine neue Vätergeneration, die anders als ihre Vorgänger aus dem vergangenen Jahrhundert sich überhaupt nicht schämen, ihrer Brut die Windeln zu wechseln. Er feiert die Kindheit und die Einzigartigkeit, die Würde eines jeden Kindes.

Zuckersand

von
Seitenzahl:
206 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit 14 Vignetten von Line Hoven.
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-70509-0
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.03.2017 | 12:40 Uhr

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