Stand: 02.09.2017 15:46 Uhr

In Pastellfarben durch die Lagunenstadt

Venedig
von Jirô  Taniguchi, übersetzt von Jens Ossa Taniguchi Taniguchi
Vorgestellt von Maren Ahring

Alljährlich finden die internationalen Filmfestspiele am Lido in Venedig statt. Stars und Sternchen sollen sich hier ja besonders gerne die Klinke des Kinosaals in die Hand geben. Das könnte nicht nur am renommierten Festival liegen, sondern auch am Reiz der Lagunenstadt selbst. Nun ist ein ganz besonderes Buch über Venedig erschienen: Ein Stadtporträt als Manga, gezeichnet vom japanischen Künstler Jirô Taniguchi.

Aquarelle eines Stadtrundgangs

Der Einband: bunt und klischeehaft, mit Gondeln und einer Brücke. Auf den ersten Blick sieht das Buch aus wie ein kitschiger Comic im Querformat. Aber dann: Lagunengrünes Vorsatzpapier. Ein Gondoliere lenkt sein Boot übers Wasser. Blau-grüne Wellen, in denen sich gelb die Sonne bricht. Sandstein-Häuser mit Dächern im Terrakotta-Ton. Wir sind gleich mittendrin - in Venedig. Die Bilder nehmen eine oder zwei Seiten ein, die Farben zart, die Umrisse verwaschen - fast impressionistisch.

Auf den Spuren der vertorbenen Mutter

Das ändert sich, wenn die Geschichte dieses Buchs beginnt: Dann sind die Bilder gestochen scharf gezeichnet und zum Teil deutlich kleiner. Die Pastellfarben bleiben, Text gibt es wenig.

"Meine Mutter starb letztes Jahr im Sommer, sie wurde 78 Jahre alt. Unter ihren Habseligkeiten fand ich eine hübsch lackierte Briefschatulle, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Darin sorgfältig verwahrt, handgemalte Postkarten und alte Fotos mit Motiven aus Venedig." Leseprobe

Deshalb begibt sich ein junger Mann auf Spurensuche in Venedig. Die Hände in den Hosentaschen steht er auf einem der ersten Bilder - scheinbar noch etwas unschlüssig - auf dem Markusplatz. Hinter ihm ragt der rote Campanile in den blassblauen Himmel. Dann macht er sich auf den Weg:

Brücken, streunende Katzen und Kreuzfahrtschiffe

Kreuz und quer durchstreift er die Stadt: Am Canal Grande entlang, über die Brücken zu den Sehenswürdigkeiten - wie der Kirche San Giacomo di Rialto mit der großen Sonnenuhr. Er fährt mit dem Vaporetto zum Lido, steigt er auf Türme, spaziert durch enge Gassen und blickt immer wieder aufs Wasser, haushohe Kreuzfahrtschiffe inklusive. Der Mann saugt den venezianischen Alltag in sich auf: Die Tomaten, Orangen und Fische auf dem Markt, die Suppe, die er zu Mittag isst, die streunenden Hunde und Katzen.

Bemerkenswert:  Die Details!  Einmal ist es ein Ammonit im Steinfußboden einer Kirche, ein anderes Mal die grimmig guckende Steinfigur eines Mannes neben einer Osteria, immer wieder sieht man den geflügelten venezianischen Löwen. So wie die Details der Lagunenstadt freigelegt werden, findet der Mann immer mehr über seine Herkunft heraus und warum seine Mutter vor langer Zeit ebenfalls in Venedig war.

Ehrlich gesagt: Die Geschichte ist nebensächlich. Denn dieses Buch lebt von den Zeichnungen Jiro Taniguchis.

Reiseführer mit besonderer Ästhetik

Der mittlerweile verstorbene japanische Manga-Künstler ließ sich bei seiner zweiwöchigen Recherche genauso durch Venedig treiben wie seine Hauptfigur:

"Fast jeden Tag lief ich, bis ich nicht mehr konnte, und ließ mich zwischendurch noch von einem Wasserbus durchschaukeln. Dennoch wurde ich meiner Sache nicht müde. Zum einen machte es Spaß, all die Zeit durch dieses Labyrinth zu irren. Zum anderen genoss ich diese herrliche Unbeschwertheit, die hier überall herrschte." Leseprobe

Für Louis Vuitton sollte Taniguchi ein "Travel Book" gestalten, eine Art ästhetischen Reiseführer also. Dabei sollte er aber seinem Kunststil treu bleiben.  Herausgekommen ist aber kein klassisches Manga, erklärt Jiro Taniguchi im Nachwort:

"Bei der Arbeit entdeckte ich auch Neues, dadurch, dass ich mich an einem anderen Bildaufbau versuchen konnte als bei Manga üblich. Und ich konnte eine Geschichte produzieren, die nur aus Bildern bestand, die ich wirklich zeichnen wollte.  (…) Ich hatte das Gefühl, mit diesem durchweg farbigen Manga etwas ganz Neues zu machen. Und, ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass ich so frei und mit so viel Freude daran würde arbeiten können." Leseprobe

Und Freude bereitet es auch, sich als Betrachter in diesem Buch zu verlieren! Die Form ist eigenwillig, aber überzeugend. Und wenn man sich nicht an den manchmal allzu pastelligen Farben stört, kann man sich ganz allein an der Schönheit Venedigs erfreuen - ohne andere nervige Touristen.

Venedig

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
CARLSEN Verlag
Bestellnummer:
978-3551744197
Preis:
29,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.09.2017 | 17:40 Uhr

NDR Logo
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