Stand: 16.06.2017 17:40 Uhr

Irving Penn - ein Meister der Eleganz

Irving Penn - Centennial
von Jeff L. Rosenheim und Maria Morris Hambourg (Herausgeber)
Vorgestellt von Guido Pauling

Es scheint sie wirklich zu geben - Künstler, denen grundsätzlich Eleganz zu eigen ist. Sie treten elegant auf, setzen in ihrem künstlerischen Werk vor allem Eleganz um und verwandeln auch das Einfache, Alltägliche in etwas Besonderes. So ein Künstler war der Fotograf Irving Penn.

Am 16. Juni 2017 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal. Dieses Jubiläum feiern renommierte Ausstellungshäuser wie derzeit das Metropolitan Museum of Art in New York und ab kommendem Herbst das Grand Palais in Paris. Begleitet wird die große Ausstellung vom Schirmer/Mosel Verlag mit einem fast 400 Seiten schweren Prachtband, der alle Schaffensbereiche Irving Penns darstellt: Porträts, Mode- und Werbefotografie, Aktbilder, Stillleben und vieles mehr.

Sensible Porträts - kunstvolle Stillleben

Irving Penn arbeitet bevorzugt im Atelier

Ein Stuhl, zwei Hocker. Einer der Hocker steht auf einem fleckigen Theatervorhang, der von der Wand herabhängend in einer fließenden Bewegung auf den Dielenboden heruntergleitet. Von rechts strömt durch ein großes Fenster Licht herein, das sich zudem durch mehrere dunkle, bauschige Stoffbahnen mogelt, mit denen die verglaste Dachschräge verhängt ist: Irving Penns Atelier. Hier ist das Werk dieses Fotokünstlers entstanden; nicht draußen, auf der Straße, im freien Feld, sondern in einem kleinen Dachgeschosskabinett, in dem der Künstler alles unter Kontrolle hat.

Der Künstler: auf der nächsten Seite blickt er dem Betrachter offen ins Gesicht. Selbstsicher sitzt er da, in Anzug und Krawatte, mit dem leichten, zufriedenen Lächeln in den Mundwinkeln, das ein Mann hat, der von seinem eigenen guten Aussehen überzeugt ist.

Der Fotograf zeigt die Menschen wie sie sind

Von gutem Aussehen verstand Irving Penn etwas; erst recht davon, Menschen so aussehen zu lassen, wie sie sind: Audrey Hepburn, das Kinn in die rechte Hand gestützt; frisch, heiter, ebenso gewitzt wie charmant schmunzelnd. Ihr Lippenstift eine Spur zu dick, wie bei einem Clown.

Salvador Dalí in Nadelstreifen, mit akkurat gezwirbeltem Schnurrbart und silbernem Medaillon exakt auf dem Krawattenknoten; provozierend breitbeinig sitzt er auf einer filzig-faserigen Teppichrolle.

Igor Strawinsky, in einer Ecke stehend, Standbein Spielbein, rückt mit der Linken seine Ohrmuschel vor und sorgt mit dieser einen Handbewegung für eine kleine rhythmische Verschiebung von Schlips und Kragen.

Porträt-Fotografie wie von alten Meistern

Ein Bild - eine Charakterisierung. Damit gelingt Irving Penn, was die Alten Meister Jahrhunderte vor ihm in der Malerei geleistet haben. "Die Fotografie ist lediglich die gegenwärtige Stufe der visuellen Geschichte der Menschheit", so Penn Mitte der 70er-Jahre; eine kleine Bemerkung nur, die so leise wie selbstbewusst verrät, dass Penn sich in eine lange Kunsttradition einreihte.

Seine Motive - klassisch: Stillleben wie Essig-Öl-Löffel, Salatkopf und Gewürze auf einer Marmorplatte. Frauenakte aus beleibten Torsi, mal der Venus von Milo gleichend, dann wieder der Venus von Willendorf. Kleingewerbetreibende, in Arbeitskleidung und mit einer Handbewegung porträtiert: Der Messerschleifer mit Käppi und Zigarettchen am fußbetriebenen Schleifstein, der Briefträger mit keckem Blick zurück über die Schulter, von der die lederne Posttasche lässig herabhängt.

Zeitlose Kunst eines großen Fotografen

"Da Penn sich mit der Kunst jedes Zeitalters befasste, wohnen seinen Bildern tiefgehende historische Zusammenhänge inne, die von jedem intuitiv wahrgenommen werden, auch wenn sie auf den ersten Blick unsichtbar sind. Dieser kunsthistorische Hintergrund verleiht Penns Fotografien jene zeitlose Qualität, an der wir große Kunst erkennen", schreibt Maria Morris Hambourg in ihrem einführenden Essay; nur der erste einer Reihe von hervorragenden Fachaufsätzen zu Aspekten von Irvings Penns Werk in diesem Bildband.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

Irving Penn: "Centennial"

NDR Kultur -

Ein Prachtband würdigt den 100. Geburtstag von Irving Penn. Der Fotograf war ein Künstler, der das Einfache in etwas Besonderes verwandeln konnte.

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Als fürstliche Mäzene für den Künstler traten im 20. Jahrhundert die Chefredakteure von Modezeitschriften wie Harper's Bazaar und Vogue auf. Penn schuf für die Magazine Fotografien, die einem Balenciaga-Ärmel oder einem Taschentuch von Dior die große Bühne bereiteten. Belanglos-dekadent? Vorsicht Vorurteil! Derselbe Meister wusste zwanzig Jahre später Zigarettenkippen zu fotografieren, als wären Abfall und Dreck der Straße poetische Zeichen einer Zivilisation der dekadenten Belanglosigkeit.

Das eine wie auch das andere Motiv folgt derselben Penn‘schen Gesetzmäßigkeit, die seine Fotografien zu etwas so Besonderem macht: "...dem Bedürfnis des Künstlers, die Komplexität der Welt zu reduzieren, indem er sie stillstellte, ihre Essenz herausdestillierte und diese Essenz dann schöpferisch verarbeitete."

Irving Penn - Centennial

von
Seitenzahl:
372 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Texten von Maria Morris Hambourg, Jeff L. Rosenheim, Alexandra Dennett, Philippe Garne, Adam Kirsch, Harald E. L. Prins und Vasilios Zatse.
Verlag:
Schirmer/Mosel
Bestellnummer:
978-3-8296-0800-08
Preis:
68,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.06.2017 | 17:40 Uhr

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