Stand: 12.09.2017 15:46 Uhr

Ein hartnäckiger Geist Namens Egon

Das Glück ist ein Vogerl
von Ingrid  Kaltenegger
Vorgestellt von Katja Lückert
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"Das Glück ist ein Vogerl"-Autorin Ingrid Kaltenegger arbeitete vor ihrem Film-Studium auch als Regieassistentin und Stadtführerin.

Geister erscheinen in Romanen für Erwachsene eher selten, es sei denn, es handelt sich um Fantasy-Literatur. Ingrid Kaltenegger hat mit ihrem ersten Roman eine literarische Komödie über die wahnwitzigen Umwege, die Leben und Liebe so nehmen, geschrieben. Sie ist 1971 in Salzburg geboren, studierte an der Folkwang-Schule Schauspiel und absolvierte an der internationalen Filmschule Köln ein Drehbuchstudium. Der preisgekrönte Kurzfilm "Mann mit Bart", zu dem sie das Drehbuch schrieb, war auf zahlreiche nationale und internationale Festivals eingeladen (Regie: Maria Pavlidou). Für ihr Drehbuch "Wilde Kaiser" bekam sie 2013 den Drehbuchentwicklungspreis der Stadt Salzburg. 2015 gewann sie mit ihrem Text "Punks Not Dead" den Deutschen Kurzkrimipreis. Ihre Geschichte von Egon, dem Geist, der Franz' Leben völlig durcheinanderbringt, könnte sich auch für eine Verfilmung eignen. 

Der Franz und nicht nur der Franz bekommt im ganzen Roman immer den bestimmten Artikel zugeordnet. Ingrid Kaltenegger lässt auch sprachlich keinen Zweifel daran, dass ihr Roman in Österreich spielt. In einem Österreich, in dem die Welt noch vergleichsweise in Ordnung ist, nur der isländische Vulkan mit dem fast unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull ist 2010 gerade ausgebrochen und behindert den Luftverkehr.

Gitarrenunterricht in Aschewolke

Der Franz ist ein verkrachter Musiker, der in einem Gymnasium mehr oder weniger begabten Teenagern nachmittags Gitarrenunterricht gibt. Seine Frau Linn arbeitet als Übersetzerin, und seine Tochter Julie pubertiert. So weit, so normal. Ingrid Kaltenegger fasst die Normalität in zuweilen überaus witzige Formulierungen.

"Die Julie sah zum Fürchten aus, bleich, bis auf die rote Nase, ansonsten hatten sich die Schminktipps von der Tamara gleichmäßig in ihrem Gesicht verteilt, was aber seine Scharfsinnigkeit dummerweise nicht beeinträchtigte: Du hast dich mit der Mama gestritten, sagte sie mit ungewohnt tiefer Stimme. Du musst wirklich jedem alles verderben, oder?" Leseprobe

Die Ehe von Linn ist nicht völlig zerrüttet, aber man hat so seine Alltagszwistigkeiten, die sich zuweilen ins Unerträgliche aufschaukeln.

Ein Glücks-Aufzug zur Eherettung

Ein Grund, warum sie ihren Mann zu einem Lebenshilfe-Seminar schleppt, um dort nach der Methode des "Elevator to happiness" das Glück wiederzufinden. Sehr amüsant, wie der Coach, dem die Übersetzerin abgesprungen ist, sich radebrechend abmüht, seinen Glücks-Aufzug in Gang zu bringen. Für Franz wird es zur absoluten Katastrophe, besonders weil sich die Methode des Elevator-Coachs bei ihm als allzu wirksam herausstellt. Fortan spricht Egon, ein Geist, zu ihm. In Panik verlässt Franz das Seminar und betrinkt sich zu Hause. Das Erwachen am nächsten Morgen ist mühsam:

"Er stöhnte, setzte sich auf, fuhr sich durch die Haare und stieß mit den Füßen vier Bierflaschen um, die vor der Couch standen. Er suchte den Raum nach Anzeichen von einem Geist ab, der Hilfe brauchte bei der Erlösung. Der war nirgends zu entdecken. Geister gab es nicht, darüber waren sie sich immerhin einig gewesen. Wo genau nur hatte jetzt die Wirklichkeit aufgehört und der Traum angefangen? Der Franz schüttelte seinen wehen Kopf und stand auf."  Leseprobe

Man fühlt sich zuweilen an den magischen Realismus von Christine Nöstlinger erinnert.

Ein grantelnder Geist

Wie ihr Rosa Riedl Schutzgespenst aus dem Kinderbuch aus dem Jahr 1979, ist auch Kalteneggers Egon eher ein grantiges Exemplar von Geist. Egon, ein älterer Herr, war Physiker von Beruf, und Franz kennt ihn sogar, weil er kurz vor dem Seminar miterleben musste, wie der Rentner in einem Autounfall starb. Die Nerven liegen bei allen Beteiligten also ganz offenbar etwas blank, aber Egon folgt Franz nun über weite Teile des Buches wie ein Schatten. Dabei hat er ein eigenes Programm, denn er sucht seine ehemalige Geliebte Amalia. Franz, der sich bisher hauptsächlich um seine eigenen Befindlichkeiten gekümmert hat, hilft ihm, sie in einem Altenheim in Salzburg zu finden. Ein heiterer Roman über einen Läuterungsprozess, der die Protagonisten zu neuem Lebensglück führt, denn das Glück ist, wie ein bekanntes Wienerlied von Erika Pluhar sagt, eben ein Vogel, lieb, aber scheu: Es lässt sich schwer fangen und fliegt gleich davon.

Das Glück ist ein Vogerl

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00149-5
Preis:
20,00 €

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