Stand: 18.09.2017 15:00 Uhr

Schelmenroman aus der DDR

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst
von Ingo  Schulze
Vorgestellt von Korinna Hennig
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Ingo Schulze hat mit Peter Holtz eine Figur erschaffen, die daran erinnert, wie wichtig es ist, von der Veränderung der Welt zu träumen - und dafür auch etwas zu tun.

Der Schriftsteller Ingo Schulze gehört unbestreitbar zu den wichtigsten deutschen Autoren der Gegenwart. Immer wieder meldet er sich auch politisch zu Wort. Sein Schreibrhythmus allerdings verlangt dem Leser einiges an Geduld ab: Neun Jahre sind vergangen, seitdem er seinen letzten Roman veröffentlicht hat, "Adam und Evelyn", der gerade auch verfilmt wird. Sein neuer Roman heißt "Peter Holtz. Sein glückliches Leben, erzählt von ihm selbst".

Ein Kind erklärt den Sozialismus

Der Ich-Erzähler Peter Holtz ist ein Protagonist, wie es ihn nicht zweimal gibt, das wird gleich in der Anfangsszene klar: ein Heimkind, keine zwölf Jahre alt, und doch entschlossen, die Kellnerin eines DDR-Ausflugsrestaurants in einen Diskurs über die wahre Logik des Sozialismus zu zwingen. Es geht ihm um die Abschaffung des Geldes.

"Wiederholt biete ich der Kellnerin an, die von mir verzehrte Portion Eisbein mit Sauerkraut und Senf sowie das Glas Fassbrause abzuarbeiten, sie brauche mir nur eine Aufgabe zuzuweisen. Ich wolle sie aber nicht wegen Kinderarbeit in Schwierigkeiten bringen. Naheliegend sei es hingegen, mir die Verköstigung nicht zu berechnen. 'Warum soll mir die Gesellschaft das Geld erst aushändigen', frage ich, 'wenn dieses Geld doch über kurz oder lang sowieso wieder bei ihr landet?'" Leseprobe

Ein seltsamer Kerl ist dieser Peter Holtz, eine Nervensäge, altklug und scheinbar über die Maßen linientreu. Doch bald stellt sich heraus, dass er stattdessen alle vorgegebenen Linien überschreitet, weil er die ideologischen Vorgaben übererfüllt - und damit den DDR-Sozialismus als undemokratische Kulissenschieberei enttarnt, wie in der Szene im Ausflugslokal.

Die Romanfigur ist eine Nervensäge

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Mit seiner Romanfigur Peter Holtz hat der Schriftsteller Ingo Schulze eine neue Version der Schwejk-Figur erfunden und sie in modernen Zeiten ausgesetzt. mehr

Ingo Schulze, selbst in der DDR groß geworden, hat sich an seine eigene Figur auch erst gewöhnen müssen: "Letztlich mag ich ihn, auch wenn ich ihn manchmal sehr anstrengend fand. Er ist jemand, der das jeweilige System beim Wort nimmt, keine Ironie kennt und auch letztlich keine Distanz hat zu den Sachen. Aber das Gute ist, dass er sich in die Sachen hineinstürzt und auch wirklich stets das Gute will, man kann sich auf ihn verlassen. Es ist auch ganz gut, mit ihm noch mal durch die Zeiten zu gehen, weil man dann doch ein paar Dinge - jedenfalls ging mir das so - anders sieht als damals, als man selbst dringesteckt hat.

Die Stasi kommt rasch zu auf Peter Holtz, doch als er diensteifrig und begeistert seinen neuen Job herumerzählt, ist die Karriere als IM auch schon wieder beendet. Mehr zufällig wird er Mitglied der Ost-CDU, die er allerdings am liebsten Christlich-Kommunistische Demokraten nennen würde.

Kapitalist wider Willen

Als die Mauer gefallen ist, gerät Peter Holtz ungewollt von einer gewinnbringenden Situation in die nächste. Als gelernter Maurer saniert er umsonst und aus reiner Menschenfreundlichkeit heruntergekommene Häuser, die keiner mehr haben will - doch die bringen ihm plötzlich satte Erträge. Als er einer Prostituierten helfen will, gründet er sozusagen versehentlich einen Puff. Egal wie sehr Peter Holtz sich gegen den Kapitalismus sträubt, der Kapitalismus belohnt ihn dafür - und er beginnt, die neuen Regeln in sein Weltbild zu integrieren.

"Allmählich empfinde ich tatsächlich Freude beim Geldausgeben. Sobald ich mein Portemonnaie hervorhole, komme ich mir vor wie bei der Blutspende - ich speise meinen Teil in den Kreislauf unserer Gesellschaft ein." Leseprobe

"Es gab eine kurze Spanne, während dieses vormundschaftlich-diktatorische System abdankte, vor der Einführung der D-Mark, da lag so eine Spanne von ein paar Monaten, in denen die Leute versucht haben, ihre eigenen Leute zu wählen und das Volkseigentum in Besitz zu nehmen. Das war eine fürchterlich anstrengende Zeit", erinnert sich der Autor, "und kein Grund zu idealisieren, aber man hat eine Ahnung bekommen, was eine sozialistische Demokratie sein könnte."

Geschichte mit politischer Botschaft

Tatsächlich kann man nicht anders, als Peter Holtz zu mögen, denn in seiner Naivität stellt er manchmal durchaus die richtigen Fragen. Ingo Schulze hat seine Geschichte im Stil eines Schelmenromans geschrieben, erzähltechnisch wirklich brillant, und doch: So wie Peter Holtz es seinen Mitmenschen oft nicht leicht macht, ist auch der Roman kein kulinarisches Buch. Weil der kluge Autor der Versuchung widersteht, eine komplexe Welt auf eine bloße Fabel zu reduzieren, ist der Plot ein kompliziertes amorphes Gebilde. Peter Holtz jedenfalls stellt bald fest, ...

"... dass es nahezu unmöglich für mich geworden ist, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden, weil die Kämpfe unserer Zeit so verwirrend widersprüchlich verlaufen ..." Leseprobe

Am Ende versucht Peter Holtz in einer aufsehenerregenden Kunstaktion das viele Geld mit Anstand wieder loszuwerden. Das ist eine lustige und kluge Idee des Autors, für die sich das Dranbleiben lohnt. Ingo Schulze hat eine politische Botschaft unters Volk gebracht, die nicht neu ist, aber immer wieder bedacht werden sollte: "Das ist ein Roman, in dem es ja unentwegt ums Geld geht, die zweite Hauptfigur ist das Geld. Es ist so viel spekulatives Geld unterwegs, das nach Vermehrung sucht, also nach Anlagen, und das ist natürlich nicht gut für die Gesellschaft. Die Frage ist halt: Geht es uns so gut, weil es anderen schlecht geht?"

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

von
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397204-7
Preis:
22,00 €

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