Stand: 28.02.2017 10:00 Uhr

Die Sache mit dem Zufall

Hier sind Drachen
von Husch Josten
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt
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Die 1969 geborene Autorin hat in Köln und Paris studiert, in London als Journalistin gearbeitet und lebt nun wieder in Köln.

Die Kölner Journalistin Husch Josten veröffentlichte 2011 ihren ersten Roman "In Sachen Joseph". Seitdem hat sie fast jährlich ein Buch geschrieben. Husch Josten verwebt in ihren Geschichten gern die persönlichen Schicksale der Protagonisten mit tiefsinnigen Lebens- und Gesellschaftsfragen. Ihr fünftes Buch trägt den Titel "Hier sind Drachen".

Bekanntschaft mit einem Philosophen

Es ist der 14. November 2015, der Morgen nach den Terroranschlägen in Paris. Die Journalistin Caren soll für ihre Zeitung in die französische Hauptstadt fliegen, um von dort zu berichten. Aber dazu kommt es nicht, weil ihr Abflughafen London-Heathrow aufgrund einer Terrorwarnung im Chaos versinkt.

Wie in einem Kammerspiel sind die wenigen Protagonisten dieser Geschichte nun hier am Terminal versammelt: darunter ein smarter Einsatzleiter, eine Handleserin, Caren und ein Professor - ein Erkenntnistheoretiker. Dieser liest, unberührt von den Ereignissen um ihn herum, in Wittgensteins "Tractatus". Caren, die schon von Berufs wegen immer an einer guten Geschichte interessiert ist, kommt mit ihm ins Gespräch.

Welche Geschichte wurde noch nie erzählt?, fragte er abrupt und machte eine lange Pause, in der er Caren nicht aus den Augen ließ. Sie überlegte einen Moment. Erstaunt. Dachte an die Aufgabenstellung jeder Redaktionskonferenz: Mach eine andere Geschichte dazu, gib dem Thema einen neuen Dreh. Das meinte Wittgenstein offensichtlich nicht. Es lag etwas in seiner Frage, in der Entschiedenheit, mit der er sie vortrug, das sie rührte.
Gibt es sie, die Geschichte, die noch nie erzählt wurde oder sind alle Geschichten nur Wiederholungen? Was hat es mit dem Zufall auf sich? Leseprobe

Tiefsinnige Fragen

Mit "Wittgenstein" - wie Caren den Professor insgeheim nennt - kommt sie intensiv ins Philosophieren, Erinnern und Infragestellen. Warum ist ausgerechnet sie schon mehrfach knapp dem Tod entronnen? Schicksal oder Fügung? Hat sie ihr Leben wirklich so im Griff, wie sie denkt? Welche Rolle spielen dabei die Männer?

Was steckte in einem, der schrieb, der schreiben musste? Was steckte in ihr? War ihre Kindheit glücklich gewesen? Zu glücklich? Eigenbrötlerin. Sensibelchen. Butterbirne. Hatte ihr Panzer, die abgeklärte Fragerei nach Beweggründen, nach den andersartigen Gründen, ihren Blick auf das, was ihre Familie und Kollegen das wahre Leben nannten, getrübt? Leseprobe

Husch Josten formuliert auf den Punkt, mal abgehakt, mal detailliert beschreibend, immer so, dass man genau weiß, was gemeint ist. Allein deswegen ist dieses Buch schon so lesenswert. Aber auch inhaltlich wirft uns die Autorin nicht irgendetwas Beliebiges vor, sondern eine Geschichte voller anspruchsvoller, kluger - ja philosophischer - Gedankengänge.

Weiße Flecken auf der Landkarte

Mit einer Explosion am Flughafen nimmt Carens Geschichte eine völlig unerwartete Wendung. Eine erschütternde Nachricht stellt ihr Leben auf den Kopf und sie, deren Profession es war, einen kühlen Kopf zu bewahren, zu berichten, zu erklären, Argumente zu liefern und einzuordnen, muss ihre eigene Geschichte völlig neu erzählen. Nachdem der Professor in ein Krankenhaus gebracht werden muss, liest sie in seinem Notizbuch.

Caren betrachtete seine klare, kluge Handschrift, strich über sein Heft, über die Worte, die er für sie geschrieben hatte. Natürlich. Hier sind Drachen, dachte sie, hic sunt dracones. Das hatte er ihr eigentlich sagen wollen, so, wie die alten Seefahrer und Kartografen es über unerforschte Gebiete notiert hatten: Hic sunt dracones. Die weißen Flecken auf der Landkarte: Hier waren sie. Sie beide suchten die Orte, von denen man nichts wusste, vor denen man sich fürchtete, an denen Drachen lauerten, Seeschlangen, Monster, Ungeheuer. Ein Terrain, das es zu ergründen galt, so sehr man es fürchtete, etwa das Ungesagte fürchtete wie die Schuld und den unberechenbaren Terror. Leseprobe

"Hier sind Drachen" liest sich mit seinen 160 Seiten fast wie eine Kurzgeschichte und weist bei genauerer Betrachtung viele Merkmale einer solchen auf. In jedem Fall ist Husch Josten hier ein starkes Buch gelungen: aktuell aufgrund seines "Settings" - und doch allgemeingültig, weil die Fragen, die die Autorin stellt, jeden Menschen betreffen und zum Nachdenken anregen.

Hier sind Drachen

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper Verlag
Bestellnummer:
978-3-8270-1348-4
Preis:
16,00 €

Dieses Thema im Programm:

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