Stand: 09.03.2016 11:43 Uhr

Annäherung an Hamburgs "Lieblingsmonster"

Bild vergrößern
Für die Biografie "Ein Leben" konnte Autor Henning Albrecht bislang unbearbeitete Quellen auswerten.

Horst Janssen war ein Alkoholiker und Weiberheld. Die Boulevardpresse feierte ihn als "Lieblingsmonster" der Hansestadt Hamburg. Und er war ein genialer Künstler, ein manischer Zeichner, ein Mann, der nach seinem Tod 1995 in Vergessenheit geriet - und mit ihm sein künstlerisches Werk. Das könnte in diesem Jahr anders werden. Das Altonaer Museum stellt mit dem "Horst Janssen Archipel" erstmals nach zwanzig Jahren wieder seine Arbeiten in Hamburg aus, eine überaus sehenswerte Ausstellung - und im Rowohlt Verlag erscheint am 11. März eine neue, umfangreiche Biografie mit dem Titel "Horst Janssen: Ein Leben". Geschrieben hat sie Henning Albrecht.

Herr Albrecht, auf welche bisher unbearbeitete Quellen konnten Sie zurückgreifen?

Bild vergrößern
Henning Albrecht arbeitet als Historiker in Hamburg. Er veröffentlichte unter anderem Bücher über Helmut Schmidt und den Bismarck-Vertrauten Hermann Wagener.

Henning Albrecht: Ich habe zum einen das Glück gehabt, sehr eng mit Janssens Schulfreunden zusammenarbeiten zu können und Interviews mit ihnen zu führen. Fünf Dutzend Interviews im Laufe der Zeit. Das hat mir ein tiefes neues Wissen von Janssen vermittelt. Und die Briefbestände auszuwerten, die Briefe in Janssens Nachlass und auch die Briefe, die im Oldenburger Horst-Janssen-Museum liegen, das waren Einblicke in Janssens Biografie, in seine Netzwerke, in seine Wesensart.

Janssen starb 1995 und man hat das Gefühl, dass dieses Zitat "Lieblingsmonster der Stadt" von dem Moment an sofort verschwunden war. Woran lag es denn, dass auch sein künstlerisches Werk plötzlich in Vergessenheit geriet?

Albrecht: Zum einen hing sehr viel Aufmerksamkeit an der Person: Die Öffentlichkeit hat sich sehr stark für die Skandalfigur Janssen interessiert.

Er trank, er schlug Frauen, er randalierte, es gab kaum eine Vernissage seiner Ausstellungen, die reibungslos über die Bühne ging ...

Weitere Informationen

Horst Janssen: Hanseatischer Ausnahmekünstler

Er lebte exzessiv, galt als Frauenheld, Rauf- und Saufbold, saß wegen Mordverdachts in U-Haft. Am 31. August 1995 starb der Künstler und Autor Horst Janssen in Hamburg. mehr

Albrecht: Richtig. Und für die Öffentlichkeit sind diese Skandale sehr interessant gewesen. Vielleicht hat sich die Öffentlichkeit von Anfang an weniger für das Werk interessiert. Die Aufmerksamkeit für die Skandale und für die Person implodiert mit dem Tod von Horst Janssen 1995. Und dazu kommt, dass er natürlich sich auch Wege verbaut hat, in Erinnerung zu bleiben, dadurch, dass er es sich mit Museumsdirektoren und Sammlern verscherzt hat. Und es kommt dazu, dass der Plan nicht realisiert wurde, in Hamburg ein eigenes Museum zu schaffen.

Warum eigentlich nicht? Woran ist das gescheitert?

Albrecht: 1989 hatte der Bürgermeister von Hamburg, Henning Voscherau, den Plan gehabt, im Blankeneser Katharinenhof ein eigenes Horst-Janssen-Museum einzurichten. Dieser Plan war eigentlich schon beschlussfertig, aber Janssen hat ihn am Schluss zum Scheitern gebracht, aus verschiedenen Gründen.

Es gab Diskussionen in der Stadt über die Finanzierung dieses Museums und über die Folgekosten. Soll man überhaupt einem lebenden Künstler ein Museum einrichten? Janssen hatte Angst vor dem Unfrieden, den diese Diskussion in die Stadt hineingetragen hatte. Angst davor, dass irgendwann Menschen protestierend vor seinem Haus stehen, womöglich mit Knüppeln, und ihn in seiner Arbeit stören.

Es gab auch die Problematik, dass nirgendwo eine große Sammlung bereitstand und Janssen hatte die Vorstellung, womöglich müsse er dann für das Museum arbeiten, um es wirklich zu füllen. Auch dadurch hätte er sich in seiner Kreativität eingeschränkt gefühlt, wenn er sich denn so auf ein Projekt hätte konzentrieren müssen.

Horst Janssens Kindheit war bitter: Vom Vater verlassen, die Mutter starb früh, wie auch der Großvater, bei dem er aufwuchs in Oldenburg. Und weil niemand so recht wusste, wohin mit ihm, landete Horst Janssen auf der NAPOLA, einem Internat der National-Sozialisten.

Albrecht: Das ist eine sehr prägende Zeit gewesen für Janssen. Von der Familie in ein Internat gegeben zu werden und dann dort einer sehr rigiden Form von Schule und von sozialer Organisation unterworfen zu werden, das ist eine prägende Erfahrung gewesen. Das rigide Arbeitsethos, was Janssen trotz all seiner Wildheit gehabt hat, das hat er wohl auch an dieser Schule erlernt.

Das Gespräch führte Catarina Felixmüller, NDR 90,3

Weitere Informationen

Große Horst-Janssen-Schau im Altonaer Museum

02.03.2016 19:00 Uhr

Das Altonaer Museum präsentiert das Werk des Hamburger Künstlers Horst Janssen. "Der Horst Janssen Archipel" heißt die umfangreiche Schau mit Kunstwerken aus allen Phasen seines Schaffens. mehr