Stand: 06.12.2017 16:30 Uhr

Liebevolle Neuausgabe von Homers "Ilias"

Ilias
von Homer, aus dem Griechischen von Kurt Steinmann
Vorgestellt von Jan Ehlert
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In der Übersetzung von Kurt Steinmann erhält der Klassiker einen neuen Ton.

Es ist vermutlich einer der wichtigsten und einflussreichsten Texte des westlichen Kulturkreises: die Ilias von Homer, die Geschichte also vom Kampf um Troja, von der Schlacht zwischen Achilles und Hektor. 1584 wurde das Epos von Johannes Baptista Rexius zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, seitdem haben sich Schriftsteller wie Gottfried August Bürger, Friedrich Hölderlin und zuletzt Raoul Schrott an dem Text versucht. Nun ist im Manesse-Verlag eine Neuübersetzung erschienen, vorgelegt von Kurt Steinmann.

Modernisierte Sprache

"Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, / Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte." Leseprobe

So beginnt die fast 225 Jahre alte Ilias-Übersetzung, die Johann Heinrich Voß 1793 in Altona veröffentlichte - die bis heute am häufigsten gelesene und gedruckte deutsche Version des homerischen Epos. Nun aber erklingt die Ilias - wieder einmal - in einem neuen Ton und der hört sich so an:

"Singe vom Ingrimm, Göttin, des Peleus-Sohnes Achilleus / vom verfluchten, der zahllose Schmerzen schuf den Achaiern." Leseprobe

Man darf sich nicht täuschen lassen von dem altmodisch anmutenden Wort "Ingrimm" gleich zu Beginn: Kurt Steinmanns Übersetzung entstaubt die Voßschen Verse, gibt ihnen einen frischen, bisweilen sogar umgangssprachlich klingenden Ausdruck. Da beschimpft Hera die Argeier, die bei Voß noch "Verworfene" genannt werden, als "feige Säcke", auf dem Schlachtfeld "spritzt das Rückenmark aus den Wirbelknochen", und Hektor, der Held und Heerführer Trojas, verkündet ungewohnt modern:

"Doch lass uns gehn! Das bringen wir später in Ordnung." Leseprobe

Kritik an Steinmanns Kollegen Voß

Neun Jahre hat Kurt Steinmann an seiner Version der Ilias gearbeitet. Er begann also genau in dem Jahr, in dem bereits eine viel beachtete und von der Kritik gefeierte Übersetzung genau jenes Textes erschien: Der österreichische Literaturwissenschaftler Raoul Schrott hatte sie vorgelegt. Schrotts Erfolg scheint Steinmann ihm jedoch übel genommen zu haben, denn im Nachwort zu seiner Ausgabe grenzt er sich deutlich von ihm ab:

Von Übertragung dürfe nicht die Rede sein, sondern die richtige Bezeichnung wäre "Nachdichtung", "Neudichtung", "Übermalung". Auf Schritt und Tritt triumphiert der Dichter Schrott über den Übersetzer Schrott. Leseprobe

Dieses Nachtreten wirkt unnötig und kleinlich - wenngleich Steinmann in der Sache Recht hat: Während Schrott den Text Homers interpretiert, ihn relativ frei auslegt, bleibt Steinmann so eng wie möglich am Original. Selbst das Versmaß, den unüblich gewordenen Hexameter, verwendet er durchgängig - was den singenden Rhythmus der Sprache, der auch das griechische Original ausmacht, unterstreicht.

Schlachten und Gelage

"Aber die Götter saßen bei Zeus und hielten Versammlung / auf goldnem Boden; und unter ihnen schenkte den Nektar / Hebe, die Herrin, ein, und sie tranken mit goldenen Bechern / prostend einander zu und blickten auf Troja hinunter." Leseprobe

Sie scheinen einiges getrunken zu haben, denn im Kampf um Troja, von dem die Ilias erzählt, verlieren selbst die Götter, so scheint es, den Überblick und lassen sich - wie der Kriegsgott Ares - im Kampf sogar von den Menschen verwunden.

Schwerpunkt Lyrik

Der Schriftsteller und langjährige Verleger Michael Krüger schrieb einmal von der "deprimierenden statistischen Tatsache, dass 99,4 Prozent der Deutschen die Lektüre auch nur eines einzigen Gedichts als lebensbedrohliche Zumutung" empfänden. Für die sehr viel mehr mindestens überzeugungsbereiten Leser stellt NDR Kultur in dieser Woche lyrische Neuerscheinungen vor.

Steinmann dagegen führt den Leser sicher durch die Schlachtenreihen - egal, ob es die endlosen Aufzählungen der unterschiedlichen Volksstämme sind oder die Ahnenreihen der Kämpfer: Die Aneinanderreihungen mögen lang sein, langweilig werden sie nicht. Auch, weil Steinmann das nicht hoch genug zu lobende Kunststück gelingt, den Text wirklich fließen zu lassen und das Versmaß auszufüllen, ohne dafür die Grammatik zu stark verbiegen zu müssen. So wirkt die Ilias wie aus einem Guss - nicht wie ein mehr als 2.000 Jahre altes Werk, sondern wie ein moderner Klassiker.

Prachtvolle Gestaltung

Immer dann, wenn die Handlung sich schlagartig verdichtet, dann zeigt Steinmanns Neuübersetzung, wie modern diese Erzählung Homers noch immer ist. Liebe und Trauer, Ehre und Verrat wechseln sich ab und grausame Kampfszenen werden gezeigt, gegen die jeder heutige Kriegsroman harmlos wirkt. Die kunstvollen Illustrationen des blutgetränkten Schlachtfelds von Anton Christian, mit denen dieser - überhaupt sehr prachtvoll gestaltete - Band ausgestattet ist, geben davon nur einen kleinen Abglanz.

Am Ende der Ilias lenkt Achilleus ein und gibt den Leichnam des getöteten Hektor heraus. Eine Zeit des gemeinsamen Trauerns beginnt. Doch schon Homer wusste, dass die Schrecken des Krieges, mögen sie noch so schlimm sein, nicht vor neuer Grausamkeit schützen können.

Doch die Schmerzen, die wollen / trotzdem wir ruhen lassen im Innern, so tief wir betrübt sind / ist doch nichts ausgerichtet mit unserer schaurigen Klage." Leseprobe

Ilias

von
Seitenzahl:
576 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma und 16 Illustrationen von Anton Christian.
Verlag:
Manesse
Bestellnummer:
978-3-7175-9022-4
Preis:
99,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.12.2017 | 12:40 Uhr

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