Stand: 30.09.2015 06:47 Uhr

Hellmuth Karasek - mehr Liebhaber als Papst

von Katja Weise

Er war einer der prägenden Kritiker und Intellektuellen der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Doch Hellmuth Karasek, 1934 in Brünn geboren, jahrzehntelang Leiter des Kulturressorts beim "Spiegel" und dann Mitherausgeber des Berliner "Tagesspiegel", scheute auch nie die Nähe zum Boulevard. Seine Fernsehkarriere begann 1988 mit dem "Literarischen Quartett". Jetzt ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

Geprägt von Billy Wilder

Einen "schillernden Turbokarpfen im Teich der grauen Kritikerhechte" hat ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einmal genannt, eine Bezeichnung, mit der Hellmuth Karasek gut leben konnte. Schließlich sah er sich immer auch als Entertainer. Prägend war für ihn in diesem Zusammenhang die Begegnung mit Billy Wilder, über den der bekennende Cineast auch eine viel beachtete Gesprächsbiografie verfasste. Wilder verkörperte für Karasek - wie George Gershwin - die gelungene Symbiose aus E und U, Ernst und Unterhaltung: "Ich denke, dass Gershwin für mich deshalb auch wichtig war, weil ich immer nach Punkten gesucht habe, wo sich U und E vermischt und berührt, wo sie zusammenkommen, ohne dass ein Teil dabei verliert."

Kein Wunder, dass Karasek auch ein begnadeter Witze-Erzähler war: Er hörte sich gerne reden, wusste aber immer im rechten Moment die Pointen zu setzen: "Es ist sozusagen mein Türöffner in die Herzen der Frauen. Manchmal geht das auch schief, manchmal geht das auch mit Absicht schief. Man muss den Witz nämlich sehr weit treiben."

Zwei große Umbrüche im Leben

Karasek scheute sich im Rentenalter nicht, Witzbücher herauszubringen, in Rateshows im Fernsehen aufzutreten und für die Springerpresse Glossen zu schreiben. Das war ungewöhnlich für einen, der sich nach der Flucht aus der DDR 1952 im Westen schnell einen Namen gemacht hatte als links-intellektueller Kritiker. Jahrzehntelang war Karasek Kulturredakteur zunächst bei der "Zeit", dann beim "Spiegel" und zuletzt als Mitherausgeber beim Berliner "Tagesspiegel": "Ich habe zweimal große Umbrüche in meinem Leben erlebt, den ersten, den Zusammenbruch Deutschlands 1945, und dann habe ich das Ende dieser Phase erlebt, mit der Wiedervereinigung. Ich saß in der Nacht am Fernsehen, und ich habe wirklich geheult wie ein Schlosshund. Und das ist schön, das in einem Leben beides erlebt zu haben."

Anders als Marcel Reich-Ranicki, an dessen Seite er als einziger von Anfang bis Ende im "Literarischen Quartett" ausharrte, hat der eher sanftmütig auftretende Karasek nie wirklich polarisiert. Ihm fiel die Rolle des Vermittlers zu.

Autor unter Pseudonym

Bereits Mitte der 80er-Jahre hatte Hellmuth Karasek begonnen, unter dem Pseudonym Daniel Doppler Theaterstücke zu schreiben. 1998 veröffentlichte er den Roman "Das Magazin", in dem er seine Erfahrungen beim Spiegel verarbeitete, und 2001 folgte der Roman "Der Betrug". Durchweg positiv wurde 2006 die Autobiografie "Süßer Vogel Jugend" aufgenommen, eine abgeklärt-humorvolle Auseinandersetzung mit dem Alter: "Das Leben liegt hinter einem und man kann zurückblicken und die Augen ein bisschen zumachen und sagen, hoffentlich merken die Leute nicht die blinden Flecken und die fauligen Ecken. Und dann ist man ganz froh, wenn man einigermaßen mit sauberer Weste durch dieses Tor gekommen ist."

Kritiker bis zuletzt

Hellmuth Karasek war - so bescheinigte es ihm der "Spiegel" anlässlich seines 80. Geburtstags 2014 - "unter allen clownesken Erscheinungen die melancholischste". Als Kritiker war er immer eher Liebhaber als Papst, und das tat dem manchmal reichlich bärbeißigen deutschen Feuilleton richtig gut.

Stimmen zum Tod von Hellmuth Karasek

  • Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Karasek als leidenschaftlichen Streiter und entschiedenen Anwalt der deutschen Literatur. "Karasek hat bei vielen Menschen die Kenntnis und die Liebe zur Literatur, zum Theater und zum Film entscheidend erweitert und vertieft", schrieb Gauck an die Witwe Armgard Seegers. "Ohne ihn wäre das literarische Leben in unserem Land sehr viel ärmer - und auch erheblich langweiliger."

  • Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) würdigte den verstorbenen Publizisten als einen der engagiertesten Literaturkritiker Deutschlands: "Der Journalist und Autor Karasek hat als glühender Verfechter der Lesekultur den Menschen das Buch nahegebracht. Er wird fehlen."

  • Autor Ulrich Wickert sagte auf NDR Kultur: "Ich halte Karasek für einen der ganz großen Kulturschaffenden der Bundesrepublik, der es geschafft hat, immer wieder mit Büchern, die er geschrieben hat, mit Diskussionen, die er ausgelöst hat, Punkte zu setzen, die dann auch zu Auseinandersetzungen geführt haben. Hellmuth Karasek ist einer der gebildsten Menschen gewesen, die ich gekannt habe. Es ist ein ganz großer Verlust."

  • Das ZDF nannte Karasek einen engagierten Kulturvermittler. Kulturchef Peter Arens schrieb in einer Mitteilung: "Hellmuth Karasek war süchtig: süchtig nach Literatur und süchtig nach dem Disput, gerne kontrovers, aber immer vermittelnd, gerne auch humorvoll."

  • "Hellmuth Karasek war dieser pointenreiche Plauderer", erinnert sich Literaturkritikerin Iris Radisch auf NDR 90,3. "Das war er auch, wenn man ihn hier in Hamburg auf der Straße traf. Er hatte auch dieses ewig Junge, dieses ewig Neugierige, dieses ganz Unverstellte, was mir sehr, sehr sympathisch war."

  • "Karasek war sehr gesellig. Er war sehr lustig, sehr geistreich", erinnert sich der Publizist Matthias Matussek auf NDR Kultur. "Vor allem eine Eigenschaft ist mir in den späteren Jahren immer deutlicher geworden: Er war so liebenswürdig - und zwar zu jedem. Er hatte eine böhmische Art von Höflichkeit. Und das war überwältigend."

  • "Hamburg trauert um einen großen Intellektuellen, der uns mit Leidenschaft nicht nur die Literatur näher gebracht hat, sondern unserer Gesellschaft auch mit seinen Büchern und Kolumnen humorvoll und treffend einen Spiegel vorgehalten hat. Karasek hat es bei seiner vielfältigen Arbeit geschafft, der Hochkultur den Humor zu geben, ohne ihr die Tiefe zu nehmen", äußerte sich Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz.

  • "Hellmuth Karasek wird dem Kulturbetrieb fehlen. Er war ein scharfzüngiger und fairer Kritiker der Kulturszene. Als engagierter Feuilletonist hat er in Deutschland tiefe Spuren hinterlassen. Dabei konnte er unterhalten, ohne populistisch zu werden. Seine Worte, sein Intellekt und sein Witz haben stets das Wesen der Dinge getroffen. Ich trauere, gerade auch persönlich nach vielen unglaublich anregenden Begegnungen mit ihm und seiner Frau, um einen genauen Beobachter des Hamburger Kulturbetriebs", sagte Kultursenatorin Barbara Kisseler.

  • Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte Hellmuth Karasek als "eine echte Institution in Deutschland". "Er liebte und litt an und mit der Literatur und war dabei immer ihr souveräner Vermittler und ein brillanter Unterhalter."

  • SPD-Chef Sigmar Gabriel bezeichnete den verstorbenen Literaturkritiker Hellmuth Karasek als prägende Figur des Geisteslebens. Deutschland verliere eine seiner brillantesten Stimmen. "Er baute wichtige Brücken zwischen dem intellektuellen Diskurs, der Welt des Literarischen und der Politik und Gesellschaft, bis hin zu einem breiten Fernsehpublikum."

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Hellmuth Karasek - Zwischen Hoch- und Trivialkultur

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