Stand: 07.03.2017 10:00 Uhr

Familiengeschichte aus dem sibirischen Exil

Suleika öffnet die Augen
von Gusel Jachina, aus dem Russischen von Helmut Ettinger
Vorgestellt von Christiane Irrgang
Bild vergrößern
Die 1977 geborene Autorin hat Germanistik und Anglistik studiert und war im Marketing tätig, bevor sie ihren Roman schrieb.

Eigentlich wollte Gusel Jachina einen Roman schreiben, der von der Geschichte ihrer tatarischen Familie inspiriert war. Bald aber merkte sie, dass sie dafür viel zu viel Stoff hatte. Also besuchte sie die Filmhochschule, um die Geschichte in Bildern erzählen zu können, verfasste auch ein Drehbuch - und landete am Ende doch wieder bei der literarischen Form. In Russland wurde "Suleika öffnet die Augen" Ende 2015 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet, dem mit umgerechnet knapp 43.000 Euro dotierten Bolschaja Kniga.

Ein unerwarteter Erfolg

Jetzt ist Jachinas Debütroman auch auf Deutsch erschienen, und die Autorin staunt noch immer: "Der Erfolg des Romans war wirklich absolut unerwartet. Als ich das geschrieben habe, habe ich einfach das Ziel gehabt, bis zum Ende zu schreiben: diese Geschichte von der Frau, die nach Sibirien ins Exil verbannt wird. Das hat für mich ganz besondere persönliche Bedeutung. Die Inspiration dazu war die Geschichte meiner Großmutter, die als kleines Kind nach Sibirien verbannt wurde, mit ihrer Familie. Deswegen wusste ich von Anfang an, dass ich unbedingt über dieses Thema schreibe, ich hatte eigentlich keine andere Wahl. Als ich das geschrieben habe, habe ich überhaupt nicht erwartet, dass es in so viele Sprachen übersetzt wird."

"Suleika öffnet die Augen" kommt in 16 Übersetzungen in 24 Ländern auf den Markt. In Russland ist außerdem gerade eine achtteilige Fernsehserie in Vorbereitung; das Drehbuch dafür stammt natürlich von Gusel Jachina.

"Der Roman besitzt die wichtigste Eigenschaft echter Literatur: Er trifft mitten ins Herz", schreibt die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja im Vorwort zum Debüt ihrer Kollegin Gusel Jachina. Und weiter: "Für mich bleibt es ein Rätsel, wie es einer so jungen Autorin gelungen ist, ein so eindringliches Werk zu schaffen, das Liebe und Zärtlichkeit in der Hölle besingt."

Der Tod ist allgegenwärtig

"Der Tod war überall. Das hatte Suleika schon in der Kindheit begriffen. Sie gewöhnte sich an diesen Gedanken wie der Ochse an das Joch und das Pferd an die Stimme seines Herrn. Der Tod war allgegenwärtig, er war schlauer, klüger und stärker als das dumme Leben, das den Kampf immer verlor." Leseprobe

"Das war eigentlich einer der wichtigsten Gedanken in meinem Roman", sagt Jachina, "dass ich zum Ausdruck bringen möchte, dass an der Grenze zwischen Tod und Leben solche Sachen wie zum Beispiel Vorurteile, die sozialen Vorurteile, die religiösen Vorurteile, die Klassenvorurteile, die nationalen Vorurteile - sie fallen ab. Die Leute, die Menschen, bleiben, wie sie sind."

Gusel Jachinas Protagonistin ist eine tatarische Bäuerin, eine fromme Muslimin, aber auch Anhängerin der lokalen Geister, verheiratet mit einem 30 Jahre älteren Mann; von den vier Töchtern hat keine das Säuglingsalter überlebt. Ein weiterer Grund, warum die boshafte uralte Schwiegermutter Suleika hasst:

"'Du kannst überhaupt nichts. Weder schlagen noch töten noch lieben. Nein, du wirst nie richtig leben. Mit einem Wort, du bist und bleibst ein nasses Huhn.'" Leseprobe

Auf die Enteignung folgt die Deportation

Anfang 1930 beschließt das sowjetische Politbüro die endgültige "Liquidierung des Kulakentums in Tatarien als Klasse"; insgesamt drei Millionen wohlhabende Bauern, genannt Kulaken, werden enteignet und ins Exil verfrachtet.

Als Suleikas Mann sich wehrt, erschießt ihn der Rotarmist Ignatow. Suleika selbst landet in einem Transport, der sie per Schlitten, per Eisenbahn und zuletzt per Boot ins kaum besiedelte Mittelsibirien verfrachtet. Die qualvolle Reise dauert ein halbes Jahr, und Jachina beschreibt sie so bildstark und eindringlich, dass der Leser selbst sich in einen stinkenden, dunklen Viehwaggon eingepfercht fühlt.

"Suleika hat es so satt zu leiden. An dem Hunger, an den Bauchkrämpfen, an der Kälte bei Nacht. An den Schmerzen in den Knochen am Morgen, an den Läusen und an der ständigen Übelkeit An all dem Schmerz und Tod ringsum. An der Furcht, dass es noch schlechter werden könnte und - das Schlimmste - an der nicht enden wollenden Scham." Leseprobe

Suleika entdeckt ungeahnte Kräfte in sich selbst

Denn Suleika ist noch einmal schwanger. Doch sie hält durch - nicht zuletzt, weil Ignatow bei aller Begeisterung für die "Entkulakisierung" seine Menschlichkeit nicht ganz verloren hat.

Am Fluss Angara werden die Deportierten schließlich ausgeschifft und sollen unter Ignatows Leitung eine Siedlung errichten. Erfüllung des Plansolls auf der einen, ständiger Überlebenskampf auf der anderen Seite. Dabei entdeckt die zarte Suleika ungeahnte Kräfte in sich selbst. Und das Begehren - ausgerechnet nach dem Kommandanten Ignatow, dem Mörder ihres Mannes.

"Viermal öffnet die Suleika ihre Augen, und jedes Mal ist um sie herum eine ganz andere Umgebung, angefangen von Düsternis bis zur hellen Sonne. Das ist natürlich auch symbolisch gemeint", erklärt die Autorin, "denn im Laufe von diesen 16 Jahren, die der Roman beschreibt, wandert die Suleika nicht nur geografisch. Dieser Weg von dem tatarischen Dorf bis nach Sibirien wird auch gemeint als eine mentale Strecke aus der patriarchalischen, archaischen Welt in die Gegenwart."

Der Debütroman erinnert an große russische Erzähler

Jachinas Roman erinnert - auch vom Umfang her - an die großen russischen Erzähler, aber sie hat ihren eigenen Ton gefunden, mit wechselnden Erzählperspektiven und einer modernen Sprache - ein absolut großartiges Debüt!

"Ich wollte Geschichte schreiben, die einerseits historisch ist, das heißt, die genauen historischen Ereignisse beschreibt und im Detail sehr präzise ist, aber andererseits wollte ich über ewige Themen sprechen: über eine Frau, die nicht geliebt ist in der Familie. Über eine Frau, die ihre Feinde liebt. Darüber, was für eine Frau wichtiger ist: die Liebe zu ihrem Mann oder die Liebe zu ihrem Sohn. Also über ewige Themen", sagt Jachina. "Und so zweischichtig wollte ich meinen Roman auch aufbauen."

Nach der Veröffentlichung von "Suleika öffnet die Augen" in Russland bekam Gusel Jachina viele Briefe von Menschen, deren Eltern oder Großeltern ähnliche Exilgeschichten erlebt hatten: "Ich habe gar nicht an die Verantwortung gedacht, als ich das geschrieben habe, und diese Verantwortung für das geschriebene Wort ist vielleicht für mich der wichtigste Schluss dieser ganzen Geschichte mit dem Roman."


31.07.2017 11:55 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages ist uns ein Fehler unterlaufen. Suleika ist nicht vom Mörder ihres Mannes schwanger. Die Redaktion bittet für diesen Fehler um Entschuldigung.

Suleika öffnet die Augen

von
Seitenzahl:
541 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit einem Geleitwort von Ljudmila Ulitzkaja.
Verlag:
Aufbau Verlag
Bestellnummer:
978-3-351-03670-6
Preis:
22,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.03.2017 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

02:41

The Record that Changed my Life: Geir Lysne

12.12.2017 22:05 Uhr
NDR Info
02:19

Ohnsorg-Theater feiert rockige Weihnachten

12.12.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal