Stand: 09.03.2016 13:00 Uhr

Ein sächsisches Geschichtenpanorama

Frohburg
von Guntram Vesper
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Vesper kommt 1957 über Berlin in die Bundesrepublik. Sein umfangreiches Werk umfasst Prosa, Gedichte, Essays und Hörspiele.

Am 17. März wird er verliehen, der Preis der Leipziger Buchmesse. Fünf Bücher sind in der Kategorie Belletristik nominiert, darunter auch der neue Roman von Guntram Vesper. Der Schriftsteller wird am 28. Mai 75 Jahre alt und ist damit der älteste der nominierten Autoren. Er geht in seinem Roman auch am weitesten in die Geschichte zurück, nicht nur in die eigene Lebensgeschichte, sondern auch in historische Vorzeit. Vesper wohnt seit mehr als 50 Jahren in Göttingen, geboren aber ist er im sächsischen Frohburg. Und so, "Frohburg", heißt auch sein Buch.

Geschichten über die Heimat

Manchmal liegt der Stoff für einen großen Roman direkt vor der Haustür. So war es auch bei Guntram Vesper: Jahrelang hat er über seine Heimat Frohburg geschrieben, ihr Gedichte und Hörspiele gewidmet, aber erst, als er im Jahr 2007 den Schriftstellerkollegen Erich Loest traf, wurde ihm klar, dass Frohburg noch mehr zu bieten hatte.

"Wir haben fleißig Bier getrunken, haben an einem Tisch gesessen und ich hab zu Erich Loest gesagt, weißt du, das war ja alles ganz furchtbar in Frohburg, das hatte ja mit Literatur überhaupt nichts zu tun, nie ist ein lebender Schriftsteller in Frohburg gewesen", erzählt Vesper. "Und da hat Loest zu mir gesagt, nein, das stimmt nicht: Ich war in Frohburg. Und das habe ich zum Ausgangspunkt einer ersten Schilderung von Frohburg genommen, in dem Loest mit zwei örtlich kundigen Führern durch Frohburg geht. Die Führer erzählen laufend Lebensgeschichten - und so funktioniert im Prinzip das ganze Buch."

Gedankensprünge durch die Jahrhunderte

Denn nicht nur Loest war in Frohburg oder den Städten und Dörfern der Umgebung - Johanngeorgenstadt, Windischleuba, Freiberg. Diese Region spielte im Leben zahlreicher bekannter Personen eine Rolle: Harro Schulze-Boysen, der Widerstandskämpfer der Roten Kapelle, Otto Nuschke, stellvertretender Ministerpräsident der DDR, Grete Beier, die Gattenmörderin, über deren Hinrichtung 1908 auch Kurt Tucholsky berichtete. Vesper erzählt ihre Lebenswege aus- und abschweifend und verknüpft sie mit den Geschichten der Einheimischen - und nicht zuletzt mit seiner eigenen. Das geschieht aber weder chronologisch noch in sich abgeschlossen: Vesper springt hin und her, quer durch die Jahrhunderte. Ein Stichwort reicht ihm, um mitten in der einen Geschichte eine andere zu beginnen.

Ein sagenhafter Pistolenschütze und die Dübener Heide wurden sein Verhängnis. "Wie, was, Dübener Heide", warf Vater ein, "da waren wir doch im Sommer ein paar Tage, während der allergrößten Hitze, vierunddreißig, fünfunddreißig Grad, wir wohnten mitten im Wald, im winzigen Dorf Schmerz, beim Förster Gustav Lust unter dem Dach, einem Neffen des ehemaligen Frohburger Gutsförsters Scherrel." Leseprobe

Unübersichtlich, aber packend

So entsteht ein riesiges, unübersichtliches, aber packendes Panorama dieser sächsischen Provinz. In seinen stärksten Momenten erinnert Vesper dabei in seiner an Besessenheit grenzenden Auflistung von Details an einen anderen großen Chronisten der deutschen Vergangenheit: Walter Kempowski. Doch man wünscht sich, Vesper hätte sich selbst an den Rat gehalten, den er seinem Vater in den Mund legt.

"Richtig zupacken, das ist im Grunde die ganze Kunst. Aber aus dem unendlich breiten Strom der Ereignisse Einzelnes heraus zu lösen und mit Worten nachzuzeichnen und weiterzugeben, das ist kinderleicht nur dann, wenn man zu kurz zielt. Sie aber werfen ziemlich weit, wenn ich das sagen darf. Dann kann der Ball auch mal im Gebüsch neben dem Spielfeld landen." Leseprobe

Ärgerliche Wiederholungen und zu viel Beliebiges

Dort landet er bei Vesper leider zu oft. Anstatt seine Geschichten auszuerzählen, an ihnen zu feilen und ihnen Schärfe zu geben, verzettelt er sich bei dem Versuch, so viel wie möglich unterzubringen. Viele Erzählstränge enden im Nichts, andere werden mehrfach wiederholt.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

Guntram Vesper: "Frohburg"

NDR Kultur -

Guntram Vespers Roman "Frohburg" ist das dickste der für den Leipziger Buchpreis nominierten Bücher.

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Die Auswahl seiner Abschnitte wirkt dadurch an vielen Stellen beliebig. Und das, obwohl Vesper schon kräftig gekürzt hat: "Der Roman umfasst ja eigentlich 1.400 Seiten, wir haben uns dann entschieden, Verschiedenenes zu streichen, das war auch erleichternd. Also, wir sind dann bei dieser Seitenzahl, relativ eng bedruckt, muss man sagen, gelandet."

Bei 1.002 Seiten. Damit hat "Frohburg" einen Titel zumindest sicher: Es ist das dickste der fünf nominierten Bücher für den Leipziger Buchpreis. Das allein macht es aber nicht zum besten. Wäre es konzentrierter und weniger ausufernd, hätte es den Preis auf jeden Fall verdient.

Frohburg

von
Seitenzahl:
1002 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling Verlag
Bestellnummer:
978-3-89561-633-4
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.03.2016 | 12:40 Uhr

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