Stand: 08.02.2016 12:40 Uhr

Stolperfallen und Hürden

Muttergehäuse
von Gertraud Klemm
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Gertraud Klemm hat Biologie studiert und als Gutachterin bei der Stadt Wien gearbeitet.

Die österreichische Autorin Gertraud Klemm wurde 1971 in Wien geboren, wo sie sich auch vor nun zehn Jahren als freie Schriftstellerin etabliert hat. Ihr Thema sind gewöhnliche Frauenleben von heute. Der Roman "Aberland" schaffte es im vergangenen Jahr auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. Für ihr neues Buch, das gerade erschienen ist, hat sie einen älteren Text noch einmal komplett überarbeitet. "Muttergehäuse" ist der Titel.

Liebevolle Buchgestaltung

Das Buch liegt vertrauenerweckend schön in der Hand, ist liebevoll gestaltet, mit Illustrationen versehen, die an Schneckenhäuser erinnern. Das Vorsatzpapier in Orange aufgefrischt, der Text gut lesbar, nicht ermüdend, gedruckt und gebunden in Österreich im Lavanttal, im Copyright erfährt man sogar, wer das Lektorat betreut hat.

Das ist handwerklich schon herausragend gemacht und so beginnt man das Buch gern zu lesen, auch wenn der Inhalt zunächst nicht so verlockend erscheinen mag. Es geht um eine Frau mit einem intensiven Kinderwunsch, der bisher unerfüllt geblieben ist. Zunehmend werden ihr ihre vielen - inzwischen Kinder bekommenden - Freundinnen fremd.

Belastungsprobe für die Beziehung

Selbst harmlose Gespräche bei Abenden mit Bekannten und Freunden werden zu heimtückischen Stolperfallen für das Paar, das sich in der Gruppe wie an einen Pranger gestellt fühlt. Die Ehe der Ich-Erzählerin wird bald zu einer Beziehung, in der es hauptsächlich um ein einziges Thema geht, über das möglichst nicht gesprochen werden soll.

Bald ergibt sich der Wunsch, ein Kind zu adoptieren. Das ist - wie wir wissen - ungeheuer schwer, weil etliche bürokratische Hürden zu bewältigen sind. Die Ich-Erzählerin betrachtet ihre Umgebung nun mit anderen Augen. Ihr und ihrem Mann wird es schwer gemacht, einem Kind eine glückliche Zukunft zu ermöglichen. Andere mussten solche Prüfungen nicht bestehen.

Epoche der Taktlosigkeiten

Während der Wartejahre auf ein Kind entwickelt die Seele der Frau eigentümliche Strategien. Dann ist ein Adoptivkind da und es beginnt eine neue Zeit, mit neuen, unerbittlichen Fragen der anderen. Wir leben offenbar in einer Epoche der ungefilterten Taktlosigkeiten. Die Adoptivmutter erstellt eine

Liste mit neuen Sätzen:
Mein Gott so ein schönes Kind
Ist das Ihres?
Ist das Ihr eigenes?
Haben Sie den adoptiert?
War das schwierig?
Und seine richtige Mutter?
Was kostet das? Leseprobe

Es gibt Situationen und Gefühlslagen im Leben, die man nicht vorher üben kann. Gertraud Klemm hat ein schönes, einfühlsames Buch geschrieben über den Wunsch, eine Familie mit Kindern zu sein.

Muttergehäuse

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kremayr & Scheriau
Bestellnummer:
978-3-218-01023-8
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.02.2016 | 12:40 Uhr