Stand: 16.11.2017 16:00 Uhr

Bilder sollen wie Fenster sein

Gerhard Richter - Über Malen
von Gerhard Richter, Hg. Christoph Schreier, Kunstmuseum Bonn
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Bei Superlativen ist Vorsicht geboten, doch wenn es um Gerhard Richter geht, lässt sich die höchste Steigerungsform nur schwer vermeiden: Seit Jahren führt sein Name die Liste der Künstler an, die weltweit am teuersten gehandelt werden. Kaum ein anderes Werk ist so vielfältig, so vielschichtig und so schwer einzuordnen wie seines. Figürlich oder abstrakt, fotorealistisch oder konzeptuell.

Bei Gerhard Richter scheinen die gängigen Kategorien zu kurz zu greifen. Noch ein Superlativ drängt sich auf, wenn man die Arbeiten betrachtet, die der 85-Jährige bis heute geschaffen hat: Sein Œuvre ist eines der rätselhaftesten, vielleicht das rätselhafteste der Gegenwartskunst. Einen Schlüssel zu diesem Werk könnte der neue Bildband "Gerhard Richter - Über Malen" liefern.

Der Wahrheit skeptisch begegnen

Großes handwerkliches Geschick

Ein Fenster zu malen, erfordert handwerkliches Geschick. Vielleicht erfreut sich das Motiv seit der Renaissance so großer Beliebtheit, weil es Künstlern ermöglicht, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen: Der Blick nach draußen erweitert den Bildraum und schafft die Illusion von Raum und Tiefe. Landschaften, Gärten, ganze Städte werden durch die Öffnung in der Wand sichtbar. "Leon Battista Alberti zufolge sollte jedes Bild wie ein Fenster sein, durch das man die Wirklichkeit (…) begreifen sollte", so Autor Stephan Berg.

Auch Gerhard Richter beschäftigt sich mit dem Thema. Anders als der Renaissancegelehrte Alberti fordert, nutzt er das Fenstermotiv aber nicht als Ausblick in eine selbstgeschaffene Wirklichkeit.

Was wir sehen, ist eine Illusion

Im Gegenteil: Mitte der 1960er-Jahre malt der Künstler eine Serie geschlossener Vorhänge. Schwere Falten, die von der Ober- bis zur Unterkante der Bilder fallen, verweigern den Blick auf das Fenster und aus dem Fenster. Eine Absage an die illusionistische Malerei, die Richter paradoxerweise mit Pinsel und Farbe erteilt. Typisch für den Künstler, der Anfang der 70er-Jahre in einem Interview zu Protokoll gibt: "Ich misstraue nicht der Realität, von der ich ja so gut wie gar nichts weiß, sondern dem Bild von der Realität, das unsere Sinne vermitteln und das unvollkommen ist, beschränkt."

Ein künstlerisches Credo, meint Buchautor Stephan Berg: Richters Zweifel an der Fähigkeit des Menschen, Realität wahrzunehmen und abzubilden, ziehen sich durch sein gesamtes Werk: Was sehen wir? Was bilden wir uns ein? Was ist real? Was Illusion? Diese Fragen schwingen nicht nur in den Vorhangmotiven mit, sondern auch in seinen Gemälden, die Türen zeigen, allesamt leicht geöffnet. Wie eine Einladung an den Betrachter zu entdecken, was dahinter liegt. Aber alles, was wir durch den Spalt zu sehen bekommen, ist eine Wand, ein Stück Fußboden, eine Fußleiste. Richter scheint sich einen Spaß daraus zu machen, unsere Lust am Sehen anzustacheln, um sie dann nachhaltig zu frustrieren.

Nuancen von Grautönen

Die fotorealistisch gemalten Vorhänge, Türen und Korridore erinnern in ihren Schwarzweiß-Tönen an verschwommene Kameraaufnahmen. Solche scheinbar dokumentarischen Bilder haben Gerhard Richter bekannt gemacht. Immer drücken sich in ihnen Zweifel aus. Prominentestes Beispiel ist das Porträt seines verstorbenen Onkels: Rudi in Wehrmachtsuniform. Richter malt den Verwandten, den er als Kind vergöttert hat, unscharf, verwischt, als würde er seiner eigenen Erinnerung misstrauen: War Onkel Rudi tatsächlich ein liebenswerter Mensch? Oder war er ein Kriegsverbrecher?

Schlüssig und anhand bisher kaum bekannter Werke weist der neue Bildband nach: So vielschichtig, so heterogen Gerhard Richters Kunst sein mag - ein Grundmotiv, das alle Arbeiten verbindet, ist die Skepsis gegenüber einfachen Wahrheiten.   

Wer allerdings ein Coffeetable-Book erwartet, wird enttäuscht. Mit seinem Einband aus Karton wirkt das Buch schlicht, sachlich und nüchtern. Das ist gut so: Ein Hochglanzdeckel und plakative Farben hätten nicht gepasst zu einem Werk, das von feinen Nuancen lebt - und vielen unterschiedlichen Grautönen.

Gerhard Richter - Über Malen

Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Beiträge von Stephan Berg, Martin Germann, Christoph Schreier, 128 Seiten, 68 Abbildungen in Farbe 24 × 32 cm
Verlag:
Hirmer Verlag
Preis:
29,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 19.11.2017 | 17:40 Uhr

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