Stand: 16.02.2017 10:00 Uhr

Familienchronik in Serie

Arbeiterroman
von Gerhard Henschel
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Gerhard Henschel, Jahrgang 1962, wurde 2012 mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis und 2013 mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet.

Es ist ein unglaubliches literarisches Großprojekt, an dem der Schriftsteller und Übersetzer Gerhard Henschel seit inzwischen 15 Jahren arbeitet: eine detaillierte autobiografische Familienchronik. Angefangen mit dem Kindheitsroman, fortgesetzt mit dem Jugendroman, weitergeschrieben im Zweijahresrhythmus mit dem Liebes-, Abenteuer-, Bildungs- und Künstlerroman. Nun erscheint der siebente Band unter dem Titel "Arbeiterroman".

Nach dem Studienabbruch muss Schlosser arbeiten

Wir schreiben das Jahr 1988. Der Ich-Erzähler Martin Schlosser ist inzwischen 26 Jahre alt, lebt nach abgebrochenem Studium mit seiner Freundin Andrea in Oldenburg, verdingt sich als Hilfsarbeiter in einer Transportfirma und gibt sein mühevoll verdientes Geld lieber für Bücher und Platten als für Klamotten aus.

Er schreibt an satirischen Geschichten und Romanen und versucht sie bei Zeitschriften und Verlagen unterzubringen. Zunächst ohne Erfolg. Die Barschel-Affäre beschäftigt die Republik. Henschel alias Schlosser dokumentiert en detail seine Lektüre. Zum Beispiel ein von Heinz Ludwig Arnold herausgegebener Band "Vom Verlust der Scham und dem allmählichen Verschwinden der Demokratie", mit gesammelten Zitaten:

Dieter Lattmann: "Angesichts der Kieler Vorgänge können einem Begriffe wie politische Kultur und Glaubwürdigkeit nur vergehen ..." - Inge Sollwedel: "Kein Zweifel, Regierende und Regierte haben sich entfremdet, das kollektive Gefühlsbarometer steht auf Null ..." - Klaus Staeck: "Bleibt die bange Frage: Ist eine funktionierende Demokratie überhaupt noch vorstellbar in einem Sumpf von Machenschaften und Intrigen unter lauter korrupten und verlogenen Politikern?" Leseprobe

Politische Kommentare von damals wirken auch heute noch aktuell

Eine erstaunliche Erfahrung stellt sich bei der Lektüre dieses "Arbeiterromans" immer wieder ein: Politische Kommentare - dreißig Jahre alt - scheinen oft aus dem Blätterwald von gestern abgeschrieben. Darüber hinaus nimmt das Porträt des jungen Mannes als Künstler immer genauere Züge an. Die Jagd auf Bücher geht auch in den Jahren 88 und 89 weiter. Beispielsweise von Walter Kempowski, Arno Schmidt und Rolf Dieter Brinkmann, um nur die wichtigsten Säulenheiligen jener Jahre zu nennen. Die Platten von Leonard Cohen und Bob Dylan begleiten den Alltag. Martin Schlosser hätte bestimmt schon damals Bob Dylan den Literaturnobelpreis zuerkannt.

Zu diesem Porträt des arbeitenden Künstlers gehört aber auch die enge familiäre Bindung mit den Großeltern, den Onkeln und Tanten, den Geschwistern, den Eltern in Meppen und dem stotternden, an Depressionen leidenden Cousin Gustav:

Andrea machte ein sehr ernstes Gesicht, als sie mir die Tür öffnete. Es sei etwas Schlimmes passiert. "Aber komm erstmal rein ..." - Was war los? - Sie fasste mich an den Händen und sagte: "Gustav ist tot." - "Was?" - "Der hat sich umgebracht. Vor den Zug geworfen. Gestern abend." - Meine Knie gaben nach, und Andrea fing mich auf. - Gestern abend - da hätten wir ihn noch besuchen können! Und ihn zurückhalten! - Doch das stimmte nicht. Als wir beim Italiener saßen, war Gustav schon tot. Leseprobe

Der Tod Gustavs steht am Anfang einer sehr schwierigen Zeit für Martin Schlosser. Kurze Zeit später stirbt die Mutter an Krebs. Die Deutschen feiern die Wiedervereinigung, während Familie Schlosser gar nicht zum Feiern zumute ist. Dann wird Martin Schlosser auch noch von seiner Freundin Andrea verlassen.

Schritt für Schritt seziert Gerhard Henschel die eigene Vergangenheit. In dieser detailgetreuen Chronik kann sich der Leser mühelos widerspiegeln. In aller Traurigkeit, aller Verzweiflung, aber auch aller Heiterkeit.

Fleißarbeit gehört für Henschel dazu

Wie geht das? Mit welcher Methode geht Gerhard Henschel vor? "Ich baue natürlich ein Romangerüst, bevor ich mich an die Reinschrift mache. Und darin sind die wichtigsten politischen Ereignisse schon enthalten. Nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche, welche Filme im Kino kamen, welche Bücher neu herauskamen oder was ich selber damals gelesen habe und dergleichen. Und an diesem Gerüst hangle ich mich dann entlang."

Und die genauen Details? Die exakte Wiedergabe von Speisekarten und Dialogen? "Wenn man beispielsweise mal eine Familienfeier beschreiben möchte, und da sind dann diverse Onkel und Tanten versammelt, und die müssen ja auch irgendetwas sagen, und ich habe ja nicht mehr alle Dialoge im Kopf, dann kann ich mich eben auf Briefe von denen stützen, die sie in der Zeit geschrieben haben, wo sie von ihren Urlaubsreisen berichten und das dann irgendwie einflechten."

Ein großartiges Lesevergnügen ist dieser "Arbeiterroman". Mit diesem siebten Teil der Martin-Schlosser-Lebenschronik wächst die Vorfreude auf die nachfolgenden Romane. Immerhin sind wir erst im Jahr 1990 angekommen.

Arbeiterroman

von
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-40575-0
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.02.2017 | 12:40 Uhr

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