Stand: 28.07.2017 13:06 Uhr

Lieber Pastasalat als Piroggen

Wir Strebermigranten
von Emilia Smechowski
Vorgestellt von Joachim Dicks
Bild vergrößern
Emilia Smechowski, Jahrgang 1983, studierte Operngesang und Romanistik, ehe sie Journalistin wurde. Sie arbeitete unter anderem für "Geo", die "Süddeutsche Zeitung" und die "Zeit".

Migrationsgeschichten finden sich mittlerweile in fast allen Familien. Aber kaum eine Nation hat so wenig Aufhebens darum gemacht wie die Polen. Das meint zumindest die deutsch-polnische Journalistin und Buchautorin Emilia Smechowski. Sie kam als Fünfjährige 1988 mit ihren Eltern aus einem kleinen Ort in der Nähe von Danzig nach Westdeutschland und sollte fortan ihre Herkunft möglichst verbergen. In ihrem Buch "Wir Strebermigranten" erzählt sie ihre Geschichte.

Emilia Smechowski

Die unsichtbaren Migranten

Bücherjournal -

Die Polen sind die zweitgrößte Gruppe der Migranten in Deutschland. Emilia Smechowski beschreibt in "Die Strebermigranten" das noch immer spezielle Verhältnis zwischen Polen und Deutschen.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Wir haben uns geschämt, aus Polen zu kommen"

Es mag überraschen, aber die Zahlen sind belegt. Circa zwei Millionen Polen leben in Deutschland. Nach den Türken sind die Polen damit die zweitgrößte Migrationsgruppe in Deutschland. Allerdings mit einem großen Unterschied. Man nimmt sie in der Öffentlichkeit kaum wahr. Für Emilia Smechowski gibt es dafür zahlreiche Gründe:  "Also, die Polen und auch meine Familie und ich, wir haben uns geschämt, aus Polen zu kommen. Das war ein armes Land. Man hat Polen mit Geschmacklosigkeit verbunden, zum Beispiel was Klamotten angeht. Das sind ja so banale, profane Gründe, aber das war mit ein Grund. Zum anderen: der deutsche Pass. Die meisten waren ja Aussiedler damals oder kamen mit diesem Aussiedlerticket. Was ja, wenn man ehrlich ist, auch gar nicht berechtigt war, weil viele nicht wirklich Vertriebene waren. Wir hatten zum Beispiel überhaupt keine deutschen Wurzeln. Mein Uropa hatte damals für kurze Zeit in der deutschen Wehrmacht gekämpft. Dadurch bekamen alle Nachfahren das Recht, in Deutschland einen deutschen Pass zu bekommen", erzählt die Autorin.

Diese Unterschiede in der Behandlung der Einwanderer aus verschiedenen Nationen beschäftigt Emilia Smechowski immer wieder in ihrem Buch. Bis heute ist für sie schwer nachvollziehbar, warum sie und ihre Familie innerhalb von neun Monaten einen deutschen Pass ausgestellt bekommen haben, während andere Migranten, die bereits seit vielen Jahren in Deutschland leben, immer wieder hingehalten werden.

Andere Perspektiven für den Umgang mit Fremden

Empathie ist der Weg zu einer anderen Politik. Wer die Erfahrung einmal gemacht hat, sich in einem fremden Land einrichten zu müssen, der entwickelt auch andere Perspektiven für den Umgang mit Fremden. Emilia Smechowski musste erst erwachsen werden, um zu begreifen, wie sehr diese Migrationsgeschichte ihr Leben geprägt hat.

Vor allem, weil ihre Eltern alles dafür getan haben, um bloß nicht aufzufallen: "Zu Hause haben wir natürlich, solange meine Eltern kein Deutsch konnten, erst mal noch Polnisch gesprochen. Das ging ja nicht anders. Aber - vor allem in der Öffentlichkeit, dieses 'Pss! Pss!' von meiner Mutter. Lieber wahnsinnig schlecht radebrechen auf Deutsch statt kurz mal laut etwas auf Polnisch zu sagen. Das hat einen sehr starken Eindruck auf mich gemacht. Das habe ich auch wirklich nicht verstanden. Aber ich hab's auch schnell angenommen, muss ich sagen, ich habe nicht dagegen rebelliert. Ich habe diese Anpassung mitgemacht", erinnert sich Emilia Smechowski. Als Anästhesisten fanden ihre Eltern bald eine gute Anstellung in einem Krankenhaus.

Keine Hinweise auf die polnische Herkunft geben

Bei privaten Kontakten im Kreis ihrer Kollegen oder bei Kindergeburtstagen achteten sie sehr genau darauf, keine Hinweise auf die polnische Herkunft zu geben. "Jede Frauenzeitschrift hatte irgendwie die italienischen Gerichte. Meine Mutter hat das total adaptiert. Sie hatte auch Lust darauf und sie hat dann eine Quiche mitgebracht oder einen italienischen Pastasalat. Oder was auch immer", berichtet Smechowski. Also: kein Bigos und keine Piroggen.

Podcast NDR Kultur Neue CDs © NDR

Emilia Smechowski erzählt von ihrer Kindheit

NDR Kultur

Emilia Smechowski ist mit fünf Jahren mit den Eltern von Polen nach West-Berlin ausgewandert. Im Gespräch auf Klassik à la carte mit Jan Ehlert erzählt sie davon.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Die Neigung der Polen, sich in einem anderen Land unsichtbar zu machen und wenn sichtbar, nicht mit besonderem Stolz auf ihre nationale Herkunft aufzutreten, findet Emilia Smechowski auch schon in der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Bei Frédéric Chopin zum Beispiel: "Ich weiß nicht, wie viele Deutsche, wenn man jetzt eine Straßenumfrage machen würde, wie viele sagen würden, er ist Pole. Ich glaube, die meisten würden sagen, er ist Franzose. Natürlich wird der Name französisch ausgesprochen. Ich habe dann, als ich Gesang studiert habe, auch mal Chopin-Lieder gesungen, die auf Polnisch waren. Da war mir das dann klar. Aber noch in meiner Klavierzeit hatte ich tatsächlich keine Ahnung, dass der Pole ist."

"Wir Strebermigranten" birgt so manche Überraschung. Emilia Smechowski erinnert an die Zeit der Polen-Witze bei Harald Schmidt, an die Fußballspieler Lukas Podolski und Miroslav Klose, die mit als erste mit ihrer polnischen Herkunftsgeschichte in Verbindung gebracht worden sind. Ein Buch, das dazu beitragen wird, mehr polnische Geschichten in Deutschland zu erfragen und zu erfahren.

Wir Strebermigranten

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25683-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.07.2017 | 12:40 Uhr

04:23

Stefanie Sargnagel: "Statusmeldungen"

04.08.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:16

Nina Jäckle: "Stillhalten"

03.08.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:35

Mareike Krügel: "Sieh mich an"

02.08.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:25
04:42

Emilia Smechowski: "Wir Strebermigranten"

31.07.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

02:35

Thomas Quasthoff wärmt seine Jazz-Liebe auf

19.10.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
03:52

Filmfest Osnabrück: Kino abseits des Mainstreams

19.10.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
03:03

Spezialeffekte: Ein Feuerteufel bei der Arbeit

19.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin