Stand: 25.08.2017 13:17 Uhr

Getrennt und doch verbunden

Die Geschichte der getrennten Wege
von Elena  Ferrante, Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Vorgestellt von Ulrike Sárkány

Band 3 der neapolitanischen Saga (Erwachsenenjahre)

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Der dritte Teil der Geschichte um die beiden Freundinnen Lila und Lenú aus Neapel.

Für viele mag der 28. August ein wichtiges Datum sein, weil Goethe 1749 an dem Tag zur Welt kam. Für alle Elena-Ferrante-Leserinnen und -Leser ist dies ein wichtiger Tag, weil endlich - jedenfalls offiziell - der dritte Band der neapolitanischen Saga erscheint, der Geschichte der Freundinnen Lila und Lenú. Durch eifrige Auslieferer hatten einige Buchhandlungen das Buch schon Anfang voriger Woche.

Aufgewachsen in Neapels Armenviertel

Elena Greco erzählt die Geschichte im Rückblick vom Jahr 2010 aus. Sie und Raffaella Cerrullo, ihre Freundin seit Kindertagen, sind beide Jahrgang 1944.

Sie sind im Rione aufgewachsen, einem Armenviertel von Neapel, aber Elena durfte auf eine höhere Schule gehen und ist ihrer Herkunft weitgehend entronnen. Sie hat studiert und ist Schriftstellerin geworden. Lila hingegen, die eigentlich sogar die Begabtere war, hat früh geheiratet und konnte sich nie ganz aus dem Milieu mit seinen mafiösen Strukturen lösen. Erst als alte Frau beschließt sie, einfach ohne jede Spur zu verschwinden. Elena durchkreuzt den Plan der Freundin, indem sie ihre gemeinsame Geschichte aufschreibt.

"Schreib über Gigliola oder sonst wen. Aber nicht über mich, wag es ja nicht, versprich es mir. ... Ich komme und durchforste deinen Computer, ich lese deine Dateien und lösche sie.' 'Ich weiß, dass du das kannst. Aber ich weiß mich zu schützen.' Sie lachte auf ihre alte, boshafte Art. 'Nicht vor mir.' Diese drei Worte habe ich nicht mehr vergessen, es war das Letzte, was sie zu mir gesagt hat: Nicht vor mir. Seit Wochen schreibe ich nun schon fieberhaft, ohne Zeit damit zu verlieren, meine Sätze erneut durchzulesen." Leseprobe

Natürlich ist das Teil der Fiktion, dass hier die Erinnerungen einfach so aufs Papier fließen, aber die flüssige ungekünstelte Sprache macht auch einen großen Teil des besonderen Reizes dieser ungewöhnlichen Serie aus. In den ersten beiden Bänden haben wir die Kinder des Rione kennengelernt, die allmählich Jugendliche wurden und sich in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelten.

Unvergessene Rivalität um Nino

Elena musste mit ansehen, wie die schon verheiratete Lila in den Sommerferien auf Ischia Nino Sarratore verführte, den Sohn des dichtenden Eisenbahners, der schon immer Elenas große Liebe war. Lila wird schwanger, verlässt ihren Mann, und lebt später, nach einem Fiasco mit Nino, als Arbeiterin in Soccavos Wurstfabrik mit Enzo Scanno, dem Sohn des Gemüsehändlers, der sich hingebungsvoll um sie und ihren kleinen Sohn kümmert.

Unterdessen verlobt sich Elena, die mit ihrem ersten Roman großen Erfolg gehabt hat, mit Pietro Airota, einem Kommilitonen, der als Sohn eines Mailänder Professors und einer Verlagslektorin jetzt eine Universitätskarriere in Florenz vor sich hat.

Lange Zeit getrennte Wege

Krasser kann man sich kaum auseinander bewegen, und man würde erwarten, dass die Jugendfreundschaft an diesem Punkt zu Ende geht. Wie der Titel schon andeutet, gehen die beiden Frauen über lange Zeit getrennte Wege. Doch dann taucht Nino in Elenas Leben wieder auf.   

"Mein Verlobter sprang auf, umarmte mich. Von Nino hatte ich ihm nie erzählt. Über Antonio hatte ich einige, wenige, Worte verloren, und auch über meine Beziehung mit Franco, die in den Studentenkreisen von Pisa ohnehin allseits bekannt gewesen war, hatte ich mit Pietro gesprochen. Doch Nino hatte ich nie erwähnt. Diese Geschichte tat mir weh, enthielt peinliche Momente, für die ich mich schämte. Sie zu erzählen hätte bedeutet, einzugestehen, dass ich seit jeher einen Menschen liebte, wie ich Pietro nie lieben würde." Leseprobe

Der weitere Hergang der Ereignisse hält noch einige haarsträubende Wendungen bereit.

Verblüffende Entwicklung der Figuren

Natürlich hat das alles etwas von einer saftigen Soap Opera alla Napoletana, aber davon abgesehen, dass es absolut verblüffend ist, wie die Autorin ihre zahlreichen Figuren über einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert immer wieder in neuen Verwicklungen auftauchen lässt, ergibt sich aus diesen vier Bänden auch ein überzeugendes Gesellschafts- und Geschichtsbild.

Sie handeln vom sich sehr langsam entwickelnden Feminismus in Italien, von den politischen Kämpfen des 20. Jahrhunderts und dem allmählichen Ende der gebrandmarkten Arbeiterklasse. Das Zusammenspiel zwischen der schlauen, oft kratzbürstigen Lila und der braven Lenuccia, die sehr gebildet, aber manchmal viel zu langsam ist, wächst einem einfach ans Herz.   

Das Hörbuch beim Hörverlag liest Eva Mattes.

Die Geschichte der getrennten Wege

von
Seitenzahl:
540 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verlag Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42575-6
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.08.2017 | 12:40 Uhr

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