Stand: 21.06.2017 12:00 Uhr

Ein Lebensbild in Anekdoten

Wilhelm von Humboldt
von Dorothee Nolte
Vorgestellt von Jan Ehlert
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Wilhelm von Humboldt (22.6.1767 - 8.4.1835) hat das Bildungswesen reformiert und neu organisiert.

Der Name Humboldt ist in Berlin allgegenwärtig: Das Humboldt-Forum ist gerade im Entstehen, nur wenige Fußminuten entfernt liegt die Humboldt-Universität. Sie erinnern an eines der einflussreichsten Brüderpaare in der deutschen Kulturgeschichte: Alexander von Humboldt, der Naturwissenschaftler, und sein älterer Bruder Wilhelm, Gelehrter im Dienste des Preußischen Königs. Vor 250 Jahren wurde Wilhelm von Humboldt geboren. Im Eulenspiegel Verlag ist eine neue Biografie über ihn erschienen: Ein "Lebensbild in Anekdoten".

Ein blasser Mensch mit einem brillanten Geist

Kreativ sei er nicht gerade und zum Schriftsteller habe er einfach kein rechtes Talent. Zu diesem Urteil kam Friedrich Schiller über Wilhelm von Humboldt. Doch das war schon die einzige Einschränkung. Ansonsten schwärmte Schiller über seinen Freund in den höchsten Tönen - und nicht nur er.

Georg Christoph Lichtenberg jedenfalls, der Philosoph, Aphoristiker und Experimentalphysiker, lernte den jungen Humboldt in Göttingen kennen und schrieb über ihn an seinen Vetter: "Er ist einer der besten Köpfe, die mir je vorgekommen sind. Du kannst nicht glauben, was hinter dem etwas blassen Gesicht für ein Geist steckt." Leseprobe

Ja, blass mag Wilhelm von Humboldt einem schon vorkommen, ganz besonders im Vergleich zu seinem Bruder Alexander, dem schillernden Weltreisenden, dem Daniel Kehlmann in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" ein literarisches Denkmal setzte. Wilhelm von Humboldt widmete sich dagegen der Vermessung des Geistes. Der wahre Zweck des Menschen, schrieb er, sei "die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen". Er selbst nutzte seine Kräfte besonders für die Erforschung der Sprachen der Welt.

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Missverständnisse trotz umfangreicher Sprachkenntnisse

"Wer hippos, equus und Pferd ausspricht, sagt nicht durchaus und vollkommen dasselbe" - verschiedene Sprachen erzeugen unterschiedliche Bilder der Welt, formen unser Denken. "Das Studium der Sprachen des Erdbodens ist also die Weltgeschichte der Gedanken und Empfindungen der Menschheit." Leseprobe

Niemand wisse mehr über Sprachen, als sein Bruder Wilhelm, räumte auch Alexander von Humboldt ein. Neben Englisch und Spanisch beherrschte Wilhelm Italienisch, Ungarisch, Baskisch, Tschechisch und Litauisch und verfasste mehr als 30 Wörterbücher über die Sprachen der Ureinwohner Südamerikas. Trotzdem kam es manchmal zu sprachlichen Missverständnissen, schildert seine Biografin Dorothee Nolte. Zum Beispiel bei einer Reise nach Paris, gemeinsam mit dem späteren Verleger Joachim Heinrich Campe:

Sehr hungrig treffen die Deutschen endlich in einer Vorstadt von Paris ein und möchten sich vor dem Eintritt in die Stadt wenigstens "durch eine Tasse Schokolade oder Kaffee" erfrischen. Auf ihre Frage nach dem nächsten Kaffeehaus bringt sie der Postillon zu einem Gebäude, das von außen genauso aussieht wie die anderen. Campe berichtet: "Alles, was wir hier sahen, besonders aber der Anblick der ekelerregenden Damen dieses grässlichen Kaffeehauses, brachte uns gar bald auf die schaurige Vermutung, dass der Ort, wo wir waren, den niedrigsten Ausschweifungen des untersten Vorstadtpöbels gewidmet sein müsse. Die Haare standen uns bei dieser Entdeckung zu Berge." Leseprobe

Der Traum von einem friedlichen Nebeneinander aller Menschen

Anhand solcher kleinen Anekdoten erzählt Nolte das Leben des großen Denkers. Neben seinen politischen und kulturwissenschaftlichen Leistungen, wie der Gründung der Friedrich-Wilhelms-Universität, die heute seinen Namen trägt, oder seiner Bildungsreform, die der Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt stellte, setzt sie den Menschen Humboldt daneben: den liebenden Ehemann, der fast vierzig Jahre mit seiner Frau Caroline verheiratet blieb, und den Freund von Schiller, Goethe und vielen anderen Geistesgrößen seiner Zeit. Überraschend ist dabei, wie modern Humboldt in seinem Denken war. Nicht nur in Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch mit Blick auf die Menschenrechte. In seiner "Idee der Menschheit" heißt es:

Seiten eines Kalenders © fotolia.com Fotograf: naftizin

Humboldts Bildungsideal

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 22. Juni 1767 wird der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt geboren. Im Königreich Preußen erfand er die moderne Universität und das Abitur.

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Sie liege in dem Bestreben, die Grenzen, welche Vorurteile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben; und die gesamte Menschheit ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung eines Zweckes, der freien Entwicklung innerer Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln. Leseprobe

Auch heute, mehr als 180 Jahre nach dem Tod Wilhelm von Humboldts, kann man diesen Traum kaum besser formulieren.

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Wilhelm von Humboldt

von
Seitenzahl:
128 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Eulenspiegel Verlag
Bestellnummer:
978-3-359-01733-2
Preis:
9,99 €

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